Die Bedeutung der Schulschliessung für Kinder in der Schweiz

Ein Statement von UNICEF Schweiz und Liechtenstein. 

Die Covid-19-Pandemie hat weltweit zu einem noch nie da gewesenen Unterbruch der Bildungssysteme geführt. Sie hat das Leben von mehr als 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schülern sowie deren Familien beeinträchtigt. Neuste nationale Studien zeigen, inwiefern das Homeschooling insbesondere für jüngere und bereits benachteiligte Schulkinder herausfordernd ist, auch in der Schweiz. Erneute Schulschliessungen gefährden mehrere Kinderrechte. Es besteht deshalb Handlungsbedarf auf Regierungsebene.

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Auswirkungen der Schulschliessung in der Schweiz

In der Schweiz hat die Schulschliessung im Frühjahr bei Kindern und deren Familien Spuren hinterlassen. Zürcher Forscher haben die pandemiebedingten Folgen der Schulschliessung auf Primar- und Sekundarstufe untersucht. Sie kamen zum Ergebnis, dass ungefähr zwanzig Prozent der Schülerinnen und Schüler während des Homeschoolings nichts gelernt haben. Davon waren besonders die jüngeren Schulkinder betroffen. Sie sind in einem hohen Masse davon abhängig, bei der Strukturierung des Alltags Unterstützung zu erhalten. Bei ihnen verminderte sich der Lernfortschritt um die Hälfte. Die Unterschiede zwischen Kindern in Bezug auf die Lerngeschwindigkeit nahmen deutlich zu (Quelle: Tagesanzeiger). Eine vergleichende, nationale Studie zu digitaler Anwendung, Sicherheit und Wohlbefinden während des Homeschoolings zeigt zusätzlich, dass 22 Prozent aller Kinder entweder analog gearbeitet oder gar keinen Fernunterricht erhalten haben.

Es erstaunt wenig, dass das Homeschooling über alle Altersklassen hinweg unterschiedliche Auswirkungen und Ausprägungen zur Folge hat. Jedoch wird klar dargelegt, dass die jüngeren Kinder zum Teil grössere Schwierigkeiten vorweisen. Je tiefer die Schulstufe ist, desto mehr wird auf analoges Arbeiten gesetzt. Dies kommt eher den Bedürfnissen des Kindes nach einem strukturierten Lernalltag nach. Analoges Lernen hat demzufolge eine grosse Bedeutung auf den Lernerfolg von jüngeren Kindern. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sie im Homeschooling die Handhabung von digitalen Lerninstrumenten ganz oder teilweise neu erlernen mussten. In vielen Fällen führte dies zu Überforderung, Verzweiflung und Motivationsverlust seitens des Schulkindes. Die reduzierten Möglichkeiten, im ständigen Austausch mit Lehrpersonen sowie anderen Schulkindern zu sein, führte zudem dazu, dass sich die Kinder weniger ausdrücken und mitteilen konnten. Das dadurch oft entstandene Spannungsgefühl übertrug sich während des Lockdowns auch auf die Erziehungsberechtigten, von denen eine noch intensivere Betreuung und Unterstützung im Alltag ihrer Kinder verlangt wurden. Gerade sozioökonomisch benachteiligte Familien mit geringem Vorwissen oder mit mangelnder technischer Ausstattung, konnten eine solche intensive Unterstützungs- und Betreuungsform kaum oder gar nicht gewährleisten. Für ein Drittel der Eltern war es eine besondere Herausforderung, das eigene Kind zuhause bei den schulischen Aufgaben zu unterstützen (Quelle: Studie «Schule-Barometer»). Es stellte sich heraus, dass Familien mit einem höheren Bildungsgrad eine ebenso höhere Medienkompetenz vorweisen konnten. Je niedriger der Bildungsstand der Eltern war, desto weniger Kenntnisse in den jeweiligen Schulfächern hatten sie zur Verfügung, um ihre Kinder beim Lernen und den Hausaufgaben zu unterstützen (Quelle: Kids' digital lives during COVID-19 lock-down). Diese Erkenntnisse sind bildungspolitisch höchst relevant.

Neben der Chancengerechtigkeit in Bezug auf den Lernfortschritt sind Schulschliessungen auch für den Schutz des Kindes von Relevanz. Für bereits konfliktbehaftete Familien können diese multiplen Spannungsfelder zu noch mehr Verlust von Struktur und Halt führen. Dies zeigt sich oft bei verbalen Streitigkeiten oder durch physische Gewalt. Sie wirkt sich indirekt wie auch direkt negativ auf das Kind aus. Gerade in solchen Situationen ist die Schule weitaus mehr als ein Bildungsort. Die Schule verfügt über eine gewisse Alarmfunktion bei allfälligen Gefährdungen des Kindeswohls. Sie stellt mittels der Schulsozialarbeit wichtige Beratungsdienste für Kind und Familie zur Verfügung. Diese wichtige soziale Kontrolle und auch die Anlaufstellen fehlten während der Schulschliessungen. In Folge dessen war die physische sowie psychische Integrität von belasteten Kindern während des Lockdowns besonders gefährdet (Quelle: SRF).

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Kinderrechte sind gefährdet

Die im Frühjahr erfolgte Schulschliessung bewirkte insgesamt einen hohen Bildungsverlust. Sie führte beim Bildungsniveau von Schulkindern zu einem noch grösseren Schereneffekt. Davon sind insbesondere jene Kinder betroffen, die aus sozioökonomisch benachteiligten Familien stammen und/oder mit digitalen Lerninstrumenten nicht vollends ausgerüstet und erreicht werden sowie jene Kinder, die besondere Unterstützungsformen benötigen (Quelle: Tagesanzeiger). Vor allem Schulkinder und deren Erziehungsberechtigte auf Primarstufe waren mit dem Format des Homeschoolings überfordert. Sie waren vom Bildungsverlust am stärksten betroffen. Zusammen fassend lässt sich festhalten, dass die bereits verletzlichsten und gefährdetsten Kinder während einer Schulschliessung noch stärker benachteiligt werden (Quelle: Tagesanzeiger). Dies ist deshalb auch fatal, weil gerade die ersten Schuljahre einen entscheidenden Einfluss auf das soziale, emotionale und allgemeine Wohlbefinden sowie die physische und psychische Entwicklung eines Kindes nehmen. Verlieren jüngere Schulkinder den Anschluss, wirkt sich dies negativ auf ihre Leistungsfähigkeit aus. Und damit einhergehend auf ihre ganze Schullaufbahn sowie ihre persönliche Entwicklung und Identitätsbildung (Quelle: UNICEF). Schulschliessungen gefährden somit das Wohlergehen der Kinder und verstärken das Risiko, schlechtere Ergebnisse im Bildungsbereich zu erzielen. Eine erneute Schulschliessung, insbesondere der Primarschulen, würde ohne flankierende Massnahmen entsprechend aus Sicht der Chancengerechtigkeit, des Partizipationsrechtes sowie des Rechtes auf gesunde Entwicklung von Kindern nicht vertretbar sein. 

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Wie in bereits mehreren öffentlichen Diskussionen thematisiert, stellt sich die Frage, welches Recht in Anbetracht der aktuellen Situation mehr gewichtet werden soll: das Recht auf Bildung oder das Recht auf Gesundheit. Die Kinderrechte sind unteilbar und dürfen nicht gegeneinander abgewogen werden. Vielmehr gilt es Massnahmen zu treffen, die jedem Kind die Wahrung seiner Rechte sicherstellt. 

Handlungsempfehlungen

Die aktuelle Situation ist weiterhin unsicher und kaum voraussagbar. Es ist nicht auszuschliessen, dass nach den Weihnachtsferien eine erneute Welle droht. Schulschliessungen sind daher als latente Gefahr für Kinder, Jugendliche und deren Erziehungsberechtigen zu verstehen. Die Politik muss daher umgehend weitere und verstärkte Massnahmen treffen, um durchgehend einen gleichwertigen Zugang zu Bildung für jedes Kind zu gewährleisten, das Wohlergehen von Kind und Familie zu fördern und eine kindgerechte Entwicklung zu ermöglichen. Insbesondere für benachteiligte Kinder und ganz im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention. 

Um einer erneuten Schulschliessung adäquat entgegentreten zu können, fordert UNICEF Schweiz und Liechtenstein die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf,

  • alle Kinder mit den nötigen technischen Mitteln für ein Lernen zu Hause auszustatten. Besonders benachteiligte Familien brauchen dazu finanzielle Unterstützung.
  • für Kinder, die über das Homeschooling nicht erreicht werden können, auch Präsenzunterricht anzubieten. 
  • Ressourcen bereitzustellen für die Bewältigung der Mehrbelastung auf Seiten der Lehrpersonen
  • den Erhalt von wichtigen Dienstleistungen wie die Schulsozialarbeit oder den schulpsychologischen Dienst zu gewährleisten, um den Schutz der Kinder auch während einer Schulschliessung zu garantieren.
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