Sie sind hier:
Medien

Nahostkonflikt: Mehr als 23 Millionen weitere Kinder von Armut bedroht

Eine neue UNICEF-Analyse zeigt, dass der anhaltende Konflikt im Nahen Osten und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Auswirkungen bis Ende des Jahres bis zu 23,4 Millionen weitere Kinder in Einkommensarmut treiben könnten.

Nahostkonflikt
Die siebenjährige Nimico lebt mit ihrer Familie in einem Flüchtlingslager in Dollow, Somalia. Nach ihrer Flucht infolge der Dürre besucht sie eine Notschule und lernt dort lesen und schreiben.

Bis Ende des Jahres könnten bis zu 23,4 Millionen weitere Kinder in Einkommensarmut geraten. Grund dafür sind die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten und die damit verbundenen Störungen der globalen Schifffahrt, die sich laut einer heute veröffentlichten UNICEF-Analyse schwerwiegend und möglicherweise irreversibel auswirken.

Der Bericht The Impact of the Middle East War on Children in Monetarily Poor Households basiert auf Daten aus mehr als 167 Ländern. Er zeigt, wie steigende Lebensmittel und Energiepreise sowie Unterbrechungen wichtiger Handelsrouten die Kaufkraft von Haushalten schmälern. Dazu gehören auch die Auswirkungen der Schliessung der Strasse von Hormus. Besonders betroffen sind Kinder in den ärmsten Haushalten.

«Kinder zahlen den Preis für den eskalierenden Konflikt im Nahen Osten – auch weit über die Region hinaus», sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. «Je länger dieser Konflikt andauert, desto schwerwiegender werden die Folgen. Die rasch steigenden Lebenshaltungskosten machen selbst Lebensmittel und Bildung für viele Familien unerschwinglich. Für Kinder, die bereits in Armut leben, verschärfen diese Entwicklungen die Entbehrungen und können lebenslange Folgen haben.»

Der Bericht untersucht zwei mögliche Szenarien: ein ungünstiges und ein schwerwiegendes Armuts¬szenario. Im ungünstigen Szenario könnte ein moderater wirtschaftlicher Schock zusätzlich 18,3 Millionen Kinder in Einkommensarmut geraten lassen. Das schwerwiegende Szenario geht von stärkeren und länger anhaltenden Störungen der Preise und der wirtschaftlichen Entwicklung aus. Hält der Konflikt an, könnten zusätzlich 23,4 Millionen Kinder in monetäre Armut geraten.

Die Analyse zeigt, dass die monetäre Kinderarmut sehr empfindlich auf makroökonomische Schocks reagiert. Steigende Lebensmittel- und Energiekosten sowie der begrenzte finanzielle Spielraum vieler Staaten schränken die Möglichkeiten von Familien ein, ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Der grösste Anteil des weltweiten Anstiegs der monetären Armut entfällt auf Asien und Afrika. Rund 80 Prozent des Anstiegs betreffen diese beiden Regionen. Beide weisen bereits heute hohe Armutsraten und eine grosse Anfälligkeit gegenüber externen wirtschaftlichen Schocks auf.

In Somalia hatte die Krise im Nahen Osten beispielsweise unmittelbare Auswirkungen. Die Treibstoffpreise in Mogadischu haben sich innerhalb weniger Tage nach der Eskalation mehr als verdoppelt. Dadurch stiegen auch die Kosten für Lebensmittel, Wasser, Transport und humanitäre Hilfe, während das Land gleichzeitig mit einer sich verschärfenden Ernährungskrise kämpft.

In Äthiopien haben die mit der Strasse von Hormus verbundenen Störungen die Treibstoffpreise steigen lassen, was sich unmittelbar auf die Kosten des täglichen Lebens auswirkt. Die Dieselpreise sind um 31 Prozent gestiegen, während die Treibstoffkosten für humanitäre Einsätze um 50 bis 70 Prozent zugenommen haben. Dadurch wird die Versorgung schwer erreichbarer Gemeinden zusätzlich erschwert.

In Nigeria haben die wirtschaftlichen Auswirkungen die Armut weiter verschärft. Haushalte mit niedrigem Einkommen geben zwischen 60 und 70 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel und Transport aus. Bereits geringe Preissteigerungen schränken ihre Kaufkraft erheblich ein.

Auch in Bangladesch setzen steigende Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Linsen, Speiseöl, Gemüse, Fisch und Geflügel Familien zunehmend unter Druck. Schätzungsweise 1,2 Millionen weitere Menschen könnten dadurch in Armut geraten.

Der Bericht warnt davor, dass die Auswirkungen des Konflikts jahrelange Fortschritte bei der Armutsbekämpfung zunichtemachen könnten. Ohne rasche und gezielte politische Massnahmen droht die Krise Millionen von Kindern weiter zurückzuwerfen, die Armut zu vertiefen und die Erholung betroffener Familien zu erschweren. Gleichzeitig wird der Zugang zu Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Schutzdiensten eingeschränkt, die für die körperliche und kognitive Entwicklung von Kindern entscheidend sind.

UNICEF ruft nationale Regierungen, Geberländer und internationale Finanzinstitutionen dazu auf, Kinder vor den schwerwiegendsten Folgen der Krise zu schützen. Zu den wichtigsten Massnahmen gehören:

  • Sicherstellung der nationalen und internationalen Finanzierung von Leistungen und Hilfsgütern, auf die Kinder angewiesen sind, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Bildung und Kinderschutz.
  • Ausbau und langfristige Sicherung sozialer Schutzsysteme, einschliesslich kindgerechter Geldtransferprogramme, damit Unterstützungsleistungen auch nach dem Wegfall von Subventionen bestehen bleiben.
  • Gewährleistung des ununterbrochenen Zugangs von Kindern und Familien zu bezahlbaren grundlegenden Dienstleistungen und Gütern, unter anderem durch Mindestausgaben, die an die Inflation angepasst werden.
  • Erweiterung des finanziellen Handlungsspielraums der Staaten, um Investitionen in grundlegende Dienstleistungen zu schützen, beispielsweise durch Schuldendienstaussetzungen oder Umschuldungen in Ländern, in denen der Schuldendienst die Ausgaben für Gesundheit, Bildung oder sozialen Schutz übersteigt.
  • Aufbau und Umsetzung kindgerechter Vorsorgesysteme, damit Kinder im Krisenfall rasch und umfassend unterstützt werden können. Dazu gehört auch die internationale Zusammenarbeit, um die Auswirkungen künftiger Krisen abzufedern. 

«Diese Krise gefährdet das Leben und die Zukunft von Kindern. Wenn die Welt nicht rasch handelt, werden Konflikte, wirtschaftliche Instabilität und steigende Lebenshaltungskosten gemeinsam Millionen weitere Kinder in tiefere Armut treiben», sagte Russell. «Hart erarbeitete Entwicklungsfortschritte könnten wieder verloren gehen.»