Die Schweiz gehört gemäss der neuen PISA-Studie 2025 weiterhin zu den leistungsstärksten Bildungsnationen der OECD. In Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften und computergestütztem Problemlösen liegen Schweizer Jugendliche klar über dem Durchschnitt. Doch dieser gute Schnitt gilt nicht für alle Kinder gleichermassen.
Wie stark die soziale Herkunft über die Zukunft entscheidet, zeigt sich, wenn man die PISA-Resultate mit der kürzlich veröffentlichten UNICEF Report Card 20 zusammen liest. Sie vergleicht das Wohlergehen von Kindern in 44 EU- und OECD-Ländern und rückt die sozioökonomische Ungleichheit ins Zentrum. Für die Schweiz zeichnet sie ein unbequemes Bild: Die darin analysierten Ergebnisse, die auf der letzten PISA-Studie aus dem Jahr 2022 basieren, zeigen, dass 91 Prozent der Jugendlichen aus privilegierten Verhältnissen grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen erreichen, aber nur 46 Prozent jener aus benachteiligten Familien. Bei der Chancengerechtigkeit im Bildungswesen liegt die Schweiz damit auf Rang 31 von 41 untersuchten Ländern. Ein Ergebnis, das man von einem der reichsten Länder der Welt nicht erwartet.
Dass sich diese Situation kaum verbessert haben dürfte, zeigen nun die neuen Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Jugendliche aus sozioökonomisch schwachen Familien und mit Migrationsgeschichte erzielen nach wie vor tiefere Leistungen. Die soziale Herkunft und vorhandenen Ressourcen sind dabei entscheidend. Manche Kinder wachsen mit genügend Wohnraum auf, sodass sie ungestört Lernen können, haben Zugang zu Informationen und Wissen, beispielsweise durch digitale Geräte, und erhalten die nötige Unterstützung von Erwachsenen. Andere leben in Familien, die mit finanziellen Sorgen kämpfen, keinen ruhigen Lernort bieten und sich zusätzliche Förderangebote nicht leisten können. Die Zukunft eines Kindes darf indes nicht davon abhängen, in welche Familie es geboren wurde.
Zwischen 2022 und 2025 hat sich der Abstand zwischen den sozioökonomischen Gruppen gemäss der PISA-Studie in den OECD-Ländern zwar leicht verringert, jedoch nicht, weil benachteiligte Jugendliche aufgeholt haben, sondern weil die Leistungen der privilegierten zurückgegangen sind. Das ist keine Verbesserung der Chancengerechtigkeit, sondern eine Nivellierung nach unten. Auch in der Schweiz beobachten wir einen signifikanten Leistungsrückgang der Jugendlichen aus privilegierten Verhältnissen. Hinzu kommt ein Rückgang der durchschnittlichen Grundkompetenzen. In Mathematik und Lesen sanken die Schweizer Werte innert zehn Jahren um je 22 Punkte.
Wohlbefinden gehört zur Bildung
Eine Schule ist auch ein Lebensraum. Kinder können ihr Potenzial nicht frei entfalten, wenn sie sich nicht sicher fühlen oder ausgegrenzt werden. Die PISA-Studie weist darauf hin, dass in den meisten OECD-Ländern Mobbingerfahrungen mit schwächeren Schulleistungen und einem geringeren Zugehörigkeitsgefühl verbunden sind. Aus Kinderrechtsperspektive gehört das Wohlbefinden untrennbar zur Bildung. Eine chancengerechte Schule muss unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht, Behinderung oder finanzieller Situation fördern und schützen.
Obwohl die Schweizer Jugendlichen im internationalen Vergleich nach wie vor zu jenen gehören, die in den geprüften Bereichen am meisten wissen und können, müssen wir einen differenzierten Blick auf die Thematik werfen. Einmal mehr macht die PISA-Studie deutlich, dass innerhalb des Landes gleichzeitig ein guter, nationaler Durchschnitt und ungerechte Bildungschancen nebeneinander bestehen können. Die Schweiz hat ein leistungsstarkes, aber kein ausreichend gerechtes Bildungssystem. Entscheidend ist nicht die Durchschnittsnote eines Landes, sondern ob ein Kind unabhängig vom Einkommen der Eltern, seiner Sprache oder Lebenssituation lernen und seine Zukunft selbst gestalten kann. Das verlangt, Benachteiligungen früh zu erkennen und bereits in der frühen Kindheit auszugleichen, etwa durch bezahlbare frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Es verlangt, Familienarmut zu reduzieren und den Zugang zu Lernmaterialien und sozialer Teilhabe für alle Kinder sicherzustellen. Und es verlangt, Mobbing, Diskriminierung und Ausgrenzung an Schulen systematisch zu verhindern und gemeinsam mit Kindern Lösungen zu entwickeln. Bildungs- und Familienpolitik gehören zusammen gedacht. Ein Kind, dessen Familie unter finanziellem Druck steht, braucht nicht nur schulische Förderung, sondern soziale Sicherheit und die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. PISA 2022 und 2025 sowie die Report Card 20 führen uns diesen blinden Fleck vor Augen. Schauen wir einseitig auf die Durchschnittswerte, verpassen wir den dringend nötigen Entwicklungsdarf: die Förderung der Chancengerechtigkeit.