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"Von der Stimme zur Wirkung"- Neue Studie zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz

Zürich/Bern, 10. November 2014Bei der Partizipation von Kindern und Jugendlichen sind in den letzten zehn Jahren Veränderungen feststellbar, doch wird sie noch nicht in allen Bereichen zufriedenstellend umgesetzt. Partizipation ist inzwischen als Begriff anerkannt und Kinder und Jugendliche schätzen ihre Möglichkeiten zur Mitwirkung besonders in der Familie höher ein. Im schulischen Bereich dagegen sehen sie immer noch wenig Gestaltungsspielraum und auf Gemeindeebene ist die Partizipation immer noch gering. Dies sind Ergebnisse einer heute von UNICEF Schweiz und der Universität Zürich vorgestellten Forschungsstudie.  
 
Rund 80 Fachpersonen aus Gemeinden, Kantonen, Behörde und Bund sowie nationale und internationale Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kinderrecht, Schulwesen und Wissenschaft folgten der Einladung von UNICEF Schweiz, um heute an einer Tagung in Bern die Bedeutung von statistischen Erhebungen und Kinderbefragungen zur Lage von Kindern zu diskutieren. Im Zentrum der Tagung standen die Resultate und Erkenntnisse des Forschungsprojektes «Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz».
 
Das Forschungsprojekt wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Rieker, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich, im Auftrag von UNICEF Schweiz im Zeitraum 2012 bis 2014 durchgeführt. Mittels einer quantitativen und qualitativen Befragung wurden die Mitwirkungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Familie, Schule und Gemeinde untersucht. Die Studie knüpft an die Studie «Den Kindern eine Stimme geben» von UNICEF Schweiz aus dem Jahr 2003 an. Wichtige Ergebnisse sind:
 
  • Im Vergleich zur Studie von 2003 lassen sich teilweise gestiegene Werte feststellen. In den verschiedenen Lebensbereichen der Kinder und Jugendlichen – Schule, Gemeinde, Familie – ist es normal geworden, über Mitwirken, Mitentscheiden und Teilnehmen zu sprechen und dies auch umzusetzen. 
     
  • Im familiären Umfeld sind hohe Werte für Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten auszumachen. Dies betrifft vor allem individuelle Fragen wie Freundschaften oder Schlafenszeiten, während in den für die gesamte Familie bedeutsamen Themen wie Ferienziel oder Haustiere weniger Partizipation gewährt wird. In fürsorglichem Stil erzogene Kinder erleben sich grundsätzlich partizipativer als autoritär erzogene Kinder und Jugendliche.
     
  • Im schulischen Bereich sehen Kinder und Jugendlichen nur wenig partizipativen Gestaltungsspielraum und erleben primär die Erwachsenen als Entscheidungsinstanzen. Partizipation bezieht sich in der Schule offenbar vor allem auf schulische Projekte und Angebote, was als begrenzend empfunden wird. Die Tendenz zu einer «inszenierter Partizipation» könnte begründen, weshalb sich Kinder je älter sie werden, desto weniger in Schule und Gemeinde als mitwirkend erleben.
     
  • Auf Gemeindeebene können Kinder und Jugendliche zwar in höherem Masse partizipieren als noch vor zehn Jahren, jedoch von allen untersuchten Lebensbereichen immer noch am wenigsten. In den letzten zehn Jahren haben sich aus Sicht der Kinder und Jugendlichen die Partizipationsmöglichkeiten in der Gemeinde von 7 auf 18 Prozent verbessert. Dieser Wert ist jedoch immer noch als zu tief zu werten. Bei weitem nicht in allen Gemeinden ist die Partizipation von Kindern und Jugendlichen strukturell verankert und Partizipation findet häufig vor allem in Form von pädagogisch angeleiteten Projekten statt. 
     
  • Erwachsene und Kinder haben eine unterschiedliche Auffassung davon, was Partizipation heisst. Während Erwachsene eher Abstimmen und Auswählen lassen, beobachtete man bei den Kindern, dass Entscheide unter Gleichaltrigen eher durch konsensorientierte Formen wie Aushandeln, Losen oder spielerisch (Schere-Stein-Papier) zustande kommen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Partizipation von den Erwachsenen Zeit, Geduld und die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel erfordert.
     
  • Je älter ein Kind wird, desto weniger partizipiert es in Schule und Gemeinde. Dies könnte darauf hindeuten, dass entsprechende bestehende Partizipationsangebote zu wenig an den jugendtypischen Lebenswelten ausgerichtet sind. Ist nämlich ein individuelles Interesse vorhanden, wird rege partizipiert. Auch Erziehungsstil und soziales Klima in Familie, Schule und auf Gemeindeebene spielen eine massgebende Rolle dabei, ob und wie stark Kinder und Jugendliche partizipieren. Partizipation hängt zudem davon ab, ob und wie Erwachsene die Mitwirkung der Heranwachsenden aktiv anstreben und unterstützen. Quartier- und Jugendarbeit kann einen wichtigen Beitrag leisten und birgt ein entsprechendes Potenzial.
     
  • Zentral für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist das Erleben von Selbstwirksamkeit durch Mitgestalten im öffentlichen Bereich, bei Bau und Planung und im unmittelbaren Wohnumfeld.
 
«Die Ergebnisse zeigen, dass Beziehungen so gestaltet werden müssen, dass Kinder und Jugendliche von sich aus und aus eigener Initiative partizipieren», sagt Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz. «Sie müssen erleben, dass sie durch ihr Handeln und Tun eine Wirkung erzeugen können. Dazu braucht es die entsprechende Haltung und Geduld der beteiligten Erwachsenen sowie Plattformen und Gefässe, bei welchen sich Kinder und Jugendliche auf einfachem, unbürokratischem Weg „Gehör verschaffen“, ihre Anliegen und Ideen diskutieren und in altersgerechten Formen darüber verhandeln können.» 
 
Partizipation als grundlegendes Recht der UN-Kinderrechtskonvention
Partizipation bedeutet wörtlich «Anteil nehmen, teilhaben» und ist in der UN-Kinderrechtskonvention verankert. Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention spricht jedem Kind das Recht zu, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Fragen und Entscheidungen frei zu äussern. Die Sicht des Kindes muss grundsätzlich überall dort mitberücksichtigt werden, wo es direkt betroffen ist – sei es in der Familie, im schulischen Umfeld, bei der Gestaltung von Schulwegen und Spielräumen, aber auch bei der Ausarbeitung von Gesetzen und in Kinderschutzfällen. In der Schweiz liegt die Verantwortung zur Umsetzung der Kinderrechte bei den Kantonen und Gemeinden.
 
Die UN-Kinderrechtskonvention ist seit 1997 in der Schweiz verbindlich und feiert am 20. November 2014 ihr 25-jähriges Bestehen. Als völkerrechtliches Übereinkommen verpflichtet sie die Staaten, die Kinderrechte mit gesetzlichen Massnahmen zu schützen.
 
Weitere Informationen:
Das Forschungsprojekt wurde unterstützt durch die Stiftung Mercator Schweiz und das Bundesamt für Sozialversicherungen. 
 
UNICEF Schweiz wird bis Anfang 2015 unter dem Titel «Von der Stimme zur Wirkung» einen Bericht zur Forschungsstudie erstellen. Die Broschüren sind kostenlos und können am Ende dieser Seite als pdf-Datei herunter geladen werden. Die gedruckte Version kann ebenfalls kostenlos bestellt werden bei info@unicef.ch oder per Telefon: 044 317 22 66.
 
Kontakte für Medien:
UNICEF Schweiz
Simone Isermann
Mediensprecherin
Tel.: 044 317 22 41
 
UNICEF Schweiz
Fleur Jaccard
Leiterin Public Affairs
Tel.: 044 317 22 72
 
Universität Zürich 
Institut für Erziehungswissenschaft
Prof. Dr. Peter Rieker
Tel.: 044 634 45 61
 
 
Über UNICEF
UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, hat über 65 Jahre Erfahrung in Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe. UNICEF setzt sich ein, dass Kinder überleben und eine wohlbehaltene Kindheit erhalten. Zu den zentralen Aufgaben gehören die Umsetzung von Programmen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Bildung, Wasser und Hygiene sowie der Schutz der Kinder vor Missbrauch, Ausbeutung, Gewalt und HIV/Aids. UNICEF finanziert sich ausschliesslich durch freiwillige Beiträge und wird in der Schweiz durch das Schweizerische Komitee für UNICEF vertreten. Seit mehr als 50 Jahren setzt sich UNICEF Schweiz für Kinder ein – im Ausland wie im Inland. 

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