COVAX – ambitioniertes Mammutprojekt für eine gerechte globale Impfstoffverteilung

Patricia Tomamichel
Patricia Tomamichel

Ein Jahr nach Beginn der Covid-19-Pandemie gibt es bereits zehn zugelassene Vakzine gegen Sars-CoV-2. Doch der Impfstoff ist knapp und dessen faire Verteilung auf der Welt stellt eine grosse Herausforderung dar. Deshalb wurde im Juni 2020 die COVAX-Initiative ins Leben gerufen.

Das ist COVAX

COVAX (Covid-19-Vaccine Global Access Facility) ist eine Initiative zur globalen gerechten Impfverteilung. Die Initiative wird von der WHO zusammen mit den privat-öffentlichen Impfstoff-Allianzen Gavi (The Gavi Alliance) und CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) betrieben. UNICEF unterstützt die Initiative als wichtigster Lieferpartner der Impfstoffe. COVAX ist eine von insgesamt drei Impfstoff-Säulen des sogenannten «ACT A», des «Access to COVID-19 Tools Accelerator». Der «ACT A» ist eine globale Zusammenarbeit zur Beschleunigung der Entwicklung, Produktion und des gerechten Zugangs zu Covid-19-Tests, -Behandlungen mit Medikamenten und der Versorgung mit Impfstoffen.  

Das bezweckt COVAX 

Die Initiative soll einerseits die Entwicklung und Produktion von Covid-19-Impfstoffen beschleunigen und andererseits denjenigen Staaten, die an COVAX teilnehmen, Zugang zu einer Reihe von Impfstoffkandidaten verschiedener Hersteller verschaffen. COVAX verfolgt das Ziel, dass jedes Land, unabhängig von seiner Kaufkraft, Zugang zu Impfstoffen gegen Covid-19 erhält. Bis Ende 2021 sollen mindestens 2 Milliarden Impfstoffdosen bereitstehen, wobei 1,3 Milliarden des Impfstoff-Kontingents an ärmere Länder verteilt werden. Die ersten 2 Milliarden Impfdosen sind für Mitarbeiter des Gesundheitswesens (3 Prozent) sowie für gefährdete Personen bestimmt - das sind insgesamt ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung. Ausserdem wird die «ACT A»-Partnerschaft 245 Millionen Therapeutika und 500 Millionen Tests sicher und gerecht an ärmere Länder liefern.

So funktioniert COVAX

Mittlerweile nehmen 190 Länder an COVAX teil, darunter 98 wohlhabende Staaten sowie 92 Länder mit geringem und niedrigem mittlerem Einkommen. COVAX handelt mit verschiedenen Impfstoffherstellern einen Preis für den jeweiligen Impfstoff aus. Während reiche Länder den vollen, ausgehandelten Preis bezahlen, werden ärmere Länder lediglich um eine finanzielle Beteiligung gebeten. Die reicheren Länder zahlen für den Zugang zum COVAX-Vakzin-Portfolio. Zudem gibt es Länder wie Deutschland, Frankreich oder Spanien, die über COVAX keine Impfstoffe bestellen, aber die Beschaffung für andere Länder finanziell unterstützen. COVAX ist somit durch die Investitionen von staatlichen Gebern, NGOs und Personen aus dem privaten Sektor finanziert. 
 
Anfang Februar konnte COVAX mit dem «Serum Institute of India» einen langfristigen Liefervertrag für Covid-19-Impfstoffe abschliessen, der bis zu 1,1 Milliarden Impfstoffdosen zu einem Preis von etwa 3 US-Dollar pro Dosis für die ärmeren Länder verschaffen soll.  
 
COVAX rechnet damit, im ersten Quartal 2021 grössere Mengen des Impfstoffs von AstraZeneca/Oxford zu erhalten. Zusätzlich sollen womöglich schon im Februar 2021 rund 1,2 Millionen der insgesamt vorvertraglich vereinbarten 40 Millionen Dosen des Impfstoffs von Pfizer/Biontech zur Verfügung stehen. Und auch weitere Impfstoffhersteller wie Novovax und Sanofi/GlaxoSmithKline haben sich dazu verpflichtet, COVAX nach ihrer Impfstoffzulassung grosse Mengen an Impfstoff zur Verfügung zu stellen. 

Das ist die Rolle von UNICEF bei COVAX 

UNICEF hat als Hauptbeschaffungs- und Lieferpartner von Gavi in den letzten 20 Jahren und bei der Durchführung von Immunisierungsprogrammen in den letzten 30 Jahren nachweisliche Ergebnisse erzielt. UNICEF ist die einzige Organisation auf der Welt, die über das Fachwissen und die Systeme verfügt, um in diesen Bereichen zu reagieren.

© UNICEF/UNI330156/Bongyereirwe
Polio-Impfung in Uganda, 2019

Als grösster Impfstoffeinkäufer der Welt, der jährlich über 2 Milliarden Routineimpfungen in nahezu 100 Länder verwaltet und koordiniert, unterstützt UNICEF deshalb die Beschaffung, die internationale Fracht und die Verteilung der Covid-19-Impfstoffe für die COVAX-Initiative. 
 
Gemeinsam mit Partnern arbeitet UNICEF daran, dass die Länder sicheren, schnellen und gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen bekommen. Dabei muss jedes Land einen detaillierten Plan erstellen, wo die gekühlten Impfdosen gelagert, wie sie verteilt und wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen konkret geimpft werden sollen. Jeder Plan wird kritisch geprüft, so dass die Impfungen überall durchgeführt werden können.

Diese Herausforderungen stellen sich COVAX

Mindestens 1,3 Milliarden Covid-19-Impfdosen sollen im Rahmen der COVAX-Initiative bis Ende 2021 an Länder mit geringem und niedrigem mittlerem Einkommen verteilt werden. Diese Herausforderungen stellen sich dabei:

Impfskepsis

Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie befindet sich die Weltgemeinschaft in der beispiellosen Situation, bereits über mehrere funktionierende Impfungen zu verfügen. Trotzdem gibt es viele Menschen, die sich aus Angst nicht impfen lassen wollen. Dieses Phänomen ist weltweit zu beobachten und hat oftmals mit Fehlinformation zu tun. 

UNICEF kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Denn das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen betreibt seit Jahren Aufklärungsarbeit rund um das Thema Impfen. Schliesslich existiert das Phänomen der Impfskepsis nicht erst seit Covid-19. So können wir Fehlinformationen vorbeugen und dafür sorgen, dass Impfungen auf breitere Akzeptanz stossen. Denn dank sicheren und erschwinglichen Impfungen können jedes Jahr Millionen von Kindern vor Krankheiten oder gar Tod durch vermeidbare Krankheiten geschützt werden. Hier erfahren Sie mehr darüber, weshalb Impfungen lebenswichtig sind. 

Kühle Lagerung der Impfstoffe

Eine besondere Herausforderung stellt die Sicherstellung der Kühlkette dar. Die Vakzine müssen auf ihrem langen Weg aus der Produktionsstätte bis in die entlegensten Regionen immer kühl gelagert werden. Viele der teilnehmenden Empfängerländer sind jedoch geografisch so gelegen, dass dort ein heisses Klima herrscht. Dazu kommt, dass die Infrastruktur in diesen Ländern nicht mit der unseren zu vergleichen ist. Im Südsudan beispielsweise gibt es gerade mal 200 Kilometer asphaltierte Strasse. Um auch die Menschen in abgelegenen Dörfern zu erreichen, muss das Vakzin nach seinem Flug in die Hauptstadt mit dem Lastwagen auf der Strasse, dann «offroad», später mit dem Boot auf dem Fluss und am Ende zu Fuss transportiert werden. Impfstoffe, die bei tiefen Minusgraden gelagert werden müssen (wie es etwa beim Vakzin von Pfizer/Biontech der Fall ist), sind dafür nicht geeignet. 

Dank jahrzehntelanger Erfahrung hat UNICEF aber die Logistik und das Know-how aufgebaut, um Impfstoffe, die bei 2-8 Grad gelagert werden müssen, auch in solche Regionen zu schaffen. Dafür werden die Impfdosen in Styropor-Containern mit Kühlakkus transportiert. Die Akkus werden mit Solarstrom betrieben und halten so den Container-Inhalt bis zu sieben Tage kühl.  

© UNICEF/UN0357168/Mawa
Bangladesch, 2019

Impfnationalismus: Die «me first»-Mentalität der reichen Industrienationen

Das Ziel von COVAX ist es, die Impfungen gerecht auf der Welt zu verteilen. Diesem Ziel zugestimmt haben alle teilnehmenden Staaten, darunter auch die Schweiz. Doch während hierzulande bereits seit Ende 2020 geimpft wird und die impfwillige Bevölkerung bis Ende 2021 durchgeimpft sein soll, gibt es kaum ärmere Länder, wo mit den Impfungen überhaupt erst begonnen wurde. Denn die reichen Industrienationen haben sich mittels bindender Verträge fast alle momentan verfügbaren Impfdosen gesichert. Man spricht in diesem Zusammenhang von Impfnationalismus. 

Eine kürzlich erschienene Studie der Internationalen Handelskammer ICC hat berechnet, dass es die globale Wirtschaft bis zu 9,2 Billionen US-Dollar kosten wird, wenn die Impfstoffe nicht gerecht verteilt werden können. Die Hälfte dieser Kosten würden entwickelte Nationen tragen. Denn in unserer vernetzten Welt erfährt selbst ein Land mit Zugang zum Impfstoff eine schleppende Erholung mit einer Belastung für sein BIP, wenn seine Handelspartner keinen solchen Zugang haben. 

© UNICEF/UNI208661/Chalasani

«Niemand ist sicher, bis alle sicher sind.»

Tedros Adhanom Ghebreyesus, WHO-Generaldirektor

Je länger die Weltgemeinschaft damit zuwartet, allen Ländern Impfstoffe, Tests und Behandlungen zur Verfügung zu stellen, desto schneller wird sich das Virus ausbreiten, desto mehr Varianten können entstehen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die heutigen Impfstoffe unwirksam werden, und desto schwieriger wird es für alle Länder, sich zu erholen.

Finanzierung von COVAX

Das Finanzierungsinstrument von COVAX ist die durch Gavi lancierte lancierte Investitionsmöglichkeit AMC (Advanced Market Commitment). Es wird grösstenteils durch öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) finanziert und stellt Mittel bereit für Länder mit geringem und niedrigem mittlerem Einkommen. Gavi COVAX AMC nutzt Gelder von OECD-Gebern, um Anreize für Impfstoffhersteller zu schaffen, damit diese garantieren, global genügend Kapazitäten zu schaffen, bevor Vakzine lizenziert werden. Das AMC wird dann Impfstoffe beschaffen und die Auslieferung unterstützen.  

UNICEF ist für die Erfüllung ihrer Aufgabe im Rahmen der COVAX-Initiative auf die Unterstützung von Spendern angewiesen. Wenn auch Sie einen Beitrag dazu leisten wollen, dass dank weltweiten Impfungen Leben gerettet werden und wieder ein Stück Normalität in unseren Alltag zurückkehrt, dann unterstützen Sie uns mit einer Spende.