Kindersoldaten – Nur Reintegration kann sie retten

Jürg Keim
Jürg Keim

Mancher Albtraum wird zur Realität. Doch was Kinder, die von Streitkräften und bewaffneten Gruppen als Kindersoldaten eingesetzt werden, am eigenen Leib erfahren, entzieht sich jedglicher Vorstellungskraft.

© UNICEF/UNI284222/Willemot

Das folgende Video «Wenn ich meine Augen schliesse» zeigt, wie grausam die Realität dieser Kinder ist und wie wichtig die Sozialarbeiter und Familien für die betroffenen Kinder sind, damit sie sich nach ihrer Befreiung von den traumatischen Erfahrungen erholen können. UNICEF unterstützt dabei ein 3-jähriges Reintegrationsprogramm. Erfahren Sie mehr davon in diesem Blog.

Der Missbrauch von Kindern als Soldaten gehört mitunter zu den schlimmsten Verbrechen in bewaffneten Konflikten. Die Kinder werden in ihren Dörfern, auf Strassen und zum Teil auch in Schulen entführt, um in Konfliktregionen als Soldaten zu dienen. Kinder in jungem Alter können leicht eingeschüchtert, manipuliert und beeinflusst werden. Viele Buben werden mit Drogen, Gewalt und Terror zum Kämpfen, Foltern und Töten gedrillt und als Krieger abgerichtet. Mädchen werden entweder sexuell ausgebeutet oder werden zu Haushaltsarbeiten und zum Transport von Waffen und Gepäck gezwungen. Sie spielen aber auch als Kämperinnen eine Rolle. Sie alle sind Opfer eines Krieges, den sie weder verstehen noch in irgendeiner Weise verantworten. Viele Kinder haben als Kämpfer das Töten gelernt, lesen und schreiben können sie dagegen nicht, denn zur Schule sind sie nie gegangen.

Freilassung von Kindersoldaten im Südsudan

Die Art der Kinderrechtsverletzungen macht es schwierig abzuschätzen, wie viele Kinder derzeit von Streitkräften und bewaffneten Gruppen eingesetzt werden und wurden, aber aufgrund der vielen Berichte, kann UNICEF sicher davon ausgehen, dass es allein im Südsudan Tausende sind. UNICEF hat für das sogenannte CAAFAG-Programm im Südsudan für das Jahr 2021 um 4 Millionen US-Dollar gebeten.

© UNICEF/UN0276008/Rich
Formelle Entwaffnungszeremonie von über 200 Kindersoldaten im Südsudan, 2018
© UNICEF/UN0275997/Rich
Die beiden Kinder (12 und 13 Jahre) werden einen Prozess der Reintegration beginnen, 2018

Reintegration ist schwierig

Selbst wenn die Kinder aus der Armee entlassen wurden, leiden sie meist noch lange Zeit unter Alpträumen, Angstzuständen und Schlaflosigkeit. Sie finden nur langsam und schwer zurück in einen normalen Arbeitsalltag. Bei der Rückkehr in ihre Dörfer stellen sie oft fest, dass ihre Familien geflohen sind. Und in der Gesellschaft gelten sie vermehrt als Mörder und werden weder von Angehörigen noch Nachbarn zu Hause akzeptiert. Viele lassen sich aus Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Angst erneut rekrutieren oder landen auf der Strasse. Ein Teufelskreis!
UNICEF setzt sich weltweit dafür ein, die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern in Konfliktgebieten zu beenden und zu verhindern. Ausserdem betreut UNICEF ehemalige Kindersoldaten in Übergangsheimen und bietet den traumatisierten Kindern psycho-soziale und gesundheitliche Unterstützung an. Während ihres Aufenthaltes in den Zentren suchen UNICEF und lokale Partner zudem nach den Familien der Kinder. Wenn eine Rückführung nicht möglich ist, werden sie in kleinen Wohngruppen betreut. Um den Kindern den Weg zurück in einen normalen Alltag zu ermöglichen, können sie eigens errichtete Schulen besuchen, die auf die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder abgestimmt sind. UNICEF bietet zudem Ausbildungsprogramme an und stellt ihnen nach Abschluss ein sogenanntes Starter-Kit, bspw. ein Handwerkerkoffer, zur Verfügung.
Auch im Südsudan setzt sich UNICEF unermüdlich bei der Regierung und den bewaffneten Gruppen dafür ein, die Kindersoldaten zurück in ein normales Leben zu führen. 

Reintegrations-Programm im Südsudan

Seit 2013 hat UNICEF die Freilassung und Reintegration von 3 785 Kindern unterstützt, die mit bewaffneten Kräften und bewaffneten Gruppen im Südsudan in Verbindung standen. Unter dem Dach der Nationalen Kommission für Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration der südsudanesischen Regierung werden freigelassene Kinder in von UNICEF und Partnern eingerichteten Übergangseinrichtungen aufgenommen, wo sie das Nötigste wie Kleidung, Nahrung und medizinische Versorgung erhalten. Nach der Registrierung beginnt UNICEF beginnt, ihre Familien ausfindig zu machen, um sie wenn möglich wieder zu vereinen. Die Kinder erhalten auch Beratung und andere psychosoziale Unterstützung sowie soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederungspakete, wie Schulungen zu beruflichen und lebenspraktischen Fähigkeiten, damit sie sich ein Einkommen beschaffen können. UNICEF erstellt für jedes Kind einen dreijährigen, sektorübergreifenden Plan, um sicherzustellen, dass sie die notwendige Nachbetreuung und Unterstützung erhalten.

Mehr zum Thema Kindersoldaten und dem UNICEF Reintegrationsprogramm finden Sie in unserem Factsheet (Stand Feb. 2021).

12. Februar ist Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten 

Am 12. Februar 2002 trat das Fakultativprotokoll zur Kinderrechtskonvention zum Verbot des Einsatzes von Kindern und Jugendlichen als Soldatinnen und Soldaten in Kraft. Seitdem gilt die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Kriegsverbrechen. Minderjährige dürfen nicht gegen ihren Willen eingezogen werden oder an Kampfhandlungen teilnehmen.
Durch das Fakultativprotokoll ist bereits viel passiert. Unter anderem wurden Verantwortliche erstmals vor dem Internationalen Strafgerichtshof für ihre Taten angeklagt. Doch noch immer sind schätzungsweise weltweit bis zu 250 000 Kindersoldaten im Einsatz.
 

Quelle: United Nations: Children and armed conflict, Report of the Secretary-General, 24 August 2017

Besonders viele Mädchen und Buben werden von verschiedenen Gruppen in andauernden Konflikten im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik, in der Demokratischen Republik Kongo, in Somalia, in Syrien und im Jemen für ihre Zwecke missbraucht. Aber auch in Afghanistan, Mali oder Myanmar werden Kinder als Soldaten oder als Helfer von bewaffneten Gruppen eingesetzt. Dennoch gibt Fortschritte zu verzeichnen: Rund 155 000 ehemalige Kindersoldaten konnten in den vergangenen 25 Jahren befreit werden. Mindestens ein Duzend Regierungen und befwaffnee Gruppen haben Vereinbarungen mit der UNO erfüllt, um den Einsatz von Kindersoldaten zu beenden, darunter der Tschad, die Côte d'Ivoir, der Sudan oder Uganda.

Zunahme der Kinderrekrutierungen befürchtet 

Trotz Fortschritte in verschiedenen Ländern ist ein besorgniserregender Anstieg der Kinderrekrutierungen in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, im Irak, in Nigeria, Somalia und in Syrien zu beobachten. Die Verwundbarkeit der von Konflikten betroffenen Kinder wird durch die Covid-19 Pandemie nochmals erhöht. Prognosen gehen davon aus, dass Verstösse gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten weltweit wieder zunehmen werden.