Zum Weltflüchtlingstag: Kinder auf der Flucht

Saskia Kobelt
Saskia Kobelt

Noch nie waren so viele Kinder auf der Flucht wie heute. Schätzungsweise 30 bis 34 Millionen Kinder sind aufgrund Migration oder Flucht entwurzelt. Das sind rund vier Mal so viele Kinder wie die Schweiz Einwohner hat. 

Kriege, Konflikte, Naturkatastrophen, Hunger, Wassermangel und Armut zwingen Mädchen und Buben weltweit mit oder ohne ihre Familien, ihr Zuhause zu verlassen, oft auf lebensgefährlichen Wegen. Was sie alle verbindet, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Am heutigen Weltflüchtlingstag feiern wir den 70. Geburtstag der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Am Weltflüchtlingstag stehen UNICEF und die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR in Solidarität mit allen entwurzelten Kindern. Ein Kind ist ein Kind, egal warum es sein Zuhause verlässt, woher es kommt oder wo es sich befindet. 

© UNICEF/UN0469300/Dejongh

67 Prozent aller Vertriebenen weltweit kommen aus nur fünf Ländern, nämlich aus Syrien, Venezuela, Afghanistan, Südsudan und Myanmar. Flüchtlingskinder sind mehrfachen Gefahren ausgesetzt, wie Missbrauch, Vernachlässigung, Ausbeutung, Schutzlosigkeit in Flüchtlingshaftanstalten, Menschenhandel oder Rekrutierung durch das Militär. Ausserdem begegnet ihnen in den Transit- und Zielländern häufig Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Viele minderjährige Kinder werden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt und oft wird ihnen auch der Zugang zu Bildung verwehrt.

Henrietta Fore, UNICEF Executive Director

«Diese jungen Leben brauchen unsere Unterstützung - ob in ihrem Herkunftsland, auf der Durchreise, bei der Ankunft am Zielort oder bei der Rückkehr.» 

Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin

Die Covid-19-Pandemie hat ihre Lage weiter verschärft: Während die Welt die Pandemiebekämpfung und die Wiederaufbaumassnahmen beschleunigt, werden entwurzelte Kinder und ihre Gemeinschaften oft zurückgelassen, indem sie zum Beispiel von Impfprogrammen ausgeschlossen werden oder ihnen die Gesundheitsversorgung verweigert wird. 

Die Pandemie hat auch die Risiken erhöht, denen entwurzelte Kinder bereits vorher ausgesetzt waren. Während der Vertreibung und in Krisenzeiten steigt die Bedrohung durch Gewalt und negative Bewältigungsmechanismen wie Kinderheirat für Frauen und Mädchen deutlich an. Der durch die Pandemie verursachte wirtschaftliche Schock hat diese Bedrohungen weiter verstärkt.  

Kinder auf der Flucht brauchen deshalb unsere Hilfe mehr denn je!

Kinder auf der Flucht

Ihre Spende kommt an:

  • Mit 34 CHF sorgen Sie für 40 000 Liter sauberes Trinkwasser (Wasserreinigungstabletten) 
  • Mit 56 CHF helfen Sie zwei Familien mit einem Erste-Hilfe Set (Pflaster, Verbandsmaterial, Entkeimungstabletten)
  • Mit 167 CHF verhelfen Sie 40 Kindern zu einer Schulbildung (School-in-a-box, 3 Monate)
Spendenbetrag:

Die Ursachen für Migration und Flucht sind vielfältig

  • Kriege: Eines von vier Kindern lebt heute in einem Konflikt- oder Katastrophengebiet. Über 30 Millionen Kinder wurden seit dem zweiten Weltkrieg durch gewalttätige Konflikte vertrieben. 
  • Naturkatastrophen:  Wetterereignisse und Naturkatastrophen nehmen zu. Mehr als eine halbe Milliarde Kinder leben heute in Überschwemmungsgebieten und fast 160 Millionen Kinde sind durch Dürre bedroht.
  • Armut:  Millionen Kinder leiden unter extremer Armut. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, denn Armut verhindert Bildung, Bildung aber verhindert Armut. Als Folge der Covid-19-Pandemie werden noch mehr Menschen von Armut betroffen sein. 

Schicksale von Kindern auf der Flucht

Der mittlerweile zehnjährige Krieg in Syrien stiehlt einer ganzen Generation Kinder ihre Kindheit. Mindestens 2,5 Millionen syrische Kinder in- und ausserhalb des Landes sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.  

© UNICEF/UN0410496/Saleh
8. Juni 2020: Der damals 7-Jährige nimmt an psychosozialen Gruppenaktivitäten teil, die von einem von UNICEF unterstützten mobilen Team in Nashabiya, Ost-Ghouta, durchgeführt werden.

«In einem Wimpernschlag wurde das Leben zur Hölle», sagt Mahasen, eine Grundschullehrerin und Mutter von fünf Kindern. Im Jahr 2013 flohen Mahasen, ihr inzwischen verstorbener Mann und ihre Kinder vor der eskalierenden Gewalt in ihrer Heimatstadt Nashabiya nach Hamoriya, einer damals sicheren Nachbarsstadt.

Damals konnte sie nicht ahnen, dass sich die Dinge bald ändern sollten. 2018 wurde Hamoriya ebenfalls Zielscheibe anhaltender Gewalt. «Wir versteckten uns im Keller vor den Kämpfen, bis eines Tages der Beschuss so heftig war, dass er unser unterirdisches Versteck erreichte», erklärt Mahasen. Das war der Tag, an dem ihr Mann starb und sie schwanger und mit vier Kindern zurückliess. «Nachdem die Granate eingeschlagen war, brachte ich zwei der Kinder, Islam und Safa, in Sicherheit», sagt Mahasen. «Ich wusste nicht, wo meine anderen beiden - Omar und Marwa – waren, oder ob sie noch lebten. Ich konnte sie nicht finden.»

Sobald der Beschuss nachliess, ging Mahasen mit Hilfe ihrer Nachbarin zurück in den Keller, um Omar und Marwa zu retten; sie fand sie schreiend unter den Trümmern. Nach ihrer Rettung floh die Mutter mit ihren Kindern erneut nach Damaskus. 
«Nach dem Vorfall verstummte Omar», führt die Mutter aus. «Er wurde immer introvertierter und entwickelte häufige Wutanfälle, die manchmal dazu führten, dass er seinen Kopf gegen die Wand schlug.»

Als Mahasen hörte, dass ein von UNICEF unterstütztes Kinderschutzteam konfliktbetroffene Gebiete besucht, darunter auch Nashabiya, nahm sie Omar mit, um zu sehen, ob das Team helfen könne. Omar wurde sofort einem Fallmanager zugewiesen, der ihm dabei half, seine Ängste und sein Trauma zu überwinden.  

«Die Unterstützung hat ihm sehr geholfen. Er hat seine Sprache wiedergefunden, ist viel sozialer geworden und seine Ausbrüche sind weniger häufig geworden», sagt Mahasen dazu.

© UNICEF/UN0410495/Saleh
V.l.n.r.: Omar, 7, Safa, 10, Hala, 18 Monate, Marwa, 8 und Islam, 14.
© UNICEF/UN0410494/Saleh
8. Juni 2020: Der damals 7-Jährige nimmt an psychosozialen Gruppenaktivitäten teil, die von einem von UNICEF unterstützten mobilen Team in Nashabiya, Ost-Ghouta, durchgeführt werden.
 © UNICEF/UN0469304/Dejongh
Aliou wird mit dem MUAC-Massband (Children’s Mid Upper Arm Circumfence- Massband) auf Mangelernährung und die Fortschritte seiner Behandlung im Flüchtlingscamp Dosseye kontrolliert. Die Krankenschwestern nehmen die Parameter der Kinder (Armumfang, Größe und Gewicht) auf und tragen sie auf individuellen Karten ein. Gleichzeitig werden die Kinder mit Hilfe einer angereicherten Erdnusspaste (RUTF – ready to use therapeutic food) auf ihren Appetit getestet. Bei dem Appetit-Test wird jedem Kind eine Packung Erdnusspaste gegeben und beobachtet, wie viel es isst.

In der zentralen Sahelzone sind Flüchtlingskinder besonders dramatischen Erlebnissen ausgesetzt. Die Angriffe auf Kinder nehmen in den Ländern Burkina Faso, Mali und Niger immer weiter zu. Allein in diesen Regionen sind 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht. Knapp die Hälfte von ihnen sind Kinder. Viele von ihnen sind mangelernährt. Das heisst, Aliou erhält zu wenig und zu einseitige Nahrung.

Auch der 16 Monate alte Junge Aliou ist aufgrund der Strapazen der Flucht mangelernährt.  Im Flüchtlingszentrum Dosseye, im Süden Tschads erhält er die dringend benötigte Hilfe. Das am 11. Dezember 2006 errichtete Camp beherbergt mittlerweile über 16 000 Menschen. Es ist eines von drei Lagern in Goré, in denen hauptsächlich Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik untergebracht sind, die durch die politischen Unruhen in ihrem Land vertrieben wurden.

© UNICEF/UN0469290/Dejongh
Mütter werden in Dosseye, im Süden des Tschad, über Mangelernährung und gute Ernährung für Babys und Kleinkinder aufgeklärt. Die Aufklärung erfolgt in den lokalen Sprachen (Fulfulde, Sango und Kaba).

So hilft UNICEF Kindern auf der Flucht

Endlich wieder Kind sein und an einem sicheren Ort spielen und lernen dürfen – für Flüchtlingskinder ist das nicht selbstverständlich. Viele Kinder mit Fluchterfahrung sind stark traumatisiert. Besonders unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind auf Hilfe angewiesen. Für UNICEF hat der Schutz der Kinder auf der Flucht oberste Priorität und arbeitet auf der ganzen Welt, um die Rechte von Migranten und Flüchtlingen in über 126 Ländern zu schützen.

  • Wir leisten Hilfe für Flüchtlingskinder vor Ort in den Krisenregionen und in den umliegenden Ländern.
  • In Notsituationen ist UNICEF als eine der ersten Organisationen vor Ort und liefert wichtige Hilfsgüter, bietet psychosoziale Betreuung und setzt sich dafür ein, dass die Kinder so rasch wie möglich zurück in die Normalität finden.
  • In von UNICEF eingerichteten kinderfreundlichen Zonen in den Flüchtlingslagern erhalten sie psychosoziale Unterstützung, um ihre Traumata zu verarbeiten und endlich wieder Kind sein zu können. Mütter können sich hier in einem geschützten Umfeld um ihre Neugeborenen kümmern. Zusätzlich werden hier getrennte Familien wieder zusammengeführt.
  • UNICEF setzt sich langfristig dafür ein, dass alle Regierungen kinderrechtskonforme, dauerhafte Lösungen finden, sodass Mädchen und Buben wieder Kind sein können und trotz schwierigen Bedingungen eine Zukunft haben.
     

Im Jahr 2020 hat UNICEF

  • über 3,2 Millionen Familien auf der Flucht mit Botschaften zur Covid-19-Prävention und Zugang zu Dienstleistungen erreicht;
  • über 2,6 Millionen Familien auf der Flucht mit Seife, Desinfektionsmittel und sauberem Wasser versorgen können;
  • 900 000 Kinder und Frauen auf der Flucht mit grundlegender medizinischer Versorgung, einschliesslich pränataler, geburtshilflicher und postnataler Versorgung erreicht;
  • 4 Millionen Kinder auf der Flucht Zugang zu Bildung ermöglicht;
  • und 2,3 Millionen Kinder auf der Flucht mit Lernmaterial ausgestattet.