Es gibt kein Zurück mehr: Dürre und Vertreibung in Somalia

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Jana Breznik

Somalia steht am Rande einer Hungersnot. Dies ist die Geschichte von Khadijo. Sie erzählt, wie sie einen Weg fand, ihre Kinder am Leben zu erhalten.

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Khadijo Mohamed Aden hält ihre jüngste Tochter Sabirin im Arm.

Die vierzig Jahre alte Khadijo Mohamed ist Mutter und Bäuerin aus der Stadt Dinsoor in der Region Bay in Somalia. Sie sitzt vor ihrem behelfsmässigen Zelt am Stadtrand von Mogadischu und erzählt von dem Weg, den sie auf sich nehmen musste, da ihre Heimatregion am Rande einer Hungersnot steht.

«Wir waren Bauern und lebten in unserem Haus ein komfortables Leben. Bevor die Dürre kam, bauten wir Mais, Bohnen und andere Feldfrüchte an. Und wir hatten Kühe, von denen wir Milch bekamen», erklärt Khadijo. «Unser Leben hing von der Landwirtschaft ab, da sie unser Einkommen bestimmte und unser Überleben garantierte. Einen Teil der Ernte verkauften wir am Markt, und der Rest wurde von uns verzehrt oder eingelagert.»

Wie Tausende andere Familien in ganz Somalia musste auch Khadijo mit ansehen, wie ihre Ernten ausfielen, ihr Vieh verendete und die Wasservorräte ihrer Gemeinde verdunsteten. Auf der Suche nach Nahrung und Wasser für ihre vier jüngsten Kinder floh sie nach Mogadischu.
 

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Khadijo mit ihren Kindern Faiza (7), Sabirin (2), Faysal (4) und Fatima (5) vor ihrer Notunterkunft im Gurman-Lager für Binnenvertriebene am Rande von Mogadischu.

«Der Familie ging es gut, und wir hatten ein friedvolles Leben. Dann kam die Dürre», erzählt sie. «Wir hofften auf Regen im nächsten Jahr, aber auch dieser blieb aus. Aus einer wurden drei Dürreperioden in Folge. Nach der dritten Dürreperiode stiegen wir in ein Auto und verliessen unser Zuhause. Wir flüchteten in die Stadt.»

Die Reise nach Mogadischu war brutal. Sie hatten sieben Tage lang nichts zu essen und alle ihre Kinder erkrankten. Als sie am Stadtrand ankamen, war ihr jüngstes Kind, die zweijährige Sabirin, schwer mangelernährt.

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Eine Gesundheitshelferin misst den Armumfang der zweijährigen Sabirin im UNICEF-unterstützten Weydow-Gesundheitszentrum.

«Sabirin wurde krank. Ich brachte sie in das Gesundheitszentrum in Mogadischu. Sie wurde gewogen und wog vier Kilogramm. Vor dem Reiseantritt waren es noch fünf Kilo. Die Mitarbeitenden des Gesundheitszentrums überwiesen uns an das Banadir-Krankenhaus, wohinich Sabirin brachte. Sie war ein dünnes, lahmes Kind. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, dachte ich, sie würde den nächsten Tag nicht überleben.»

Khadijo wachte im Krankenhausbett über ihre kleine Tochter, die mit dem Tod ringte. Ihre anderen Kinder blieben in ihrem behelfsmässigen Zelt und wurden von einer Nachbarin betreut. «Ich war neun Tage lang mit dem Mädchen im Krankenhaus von Banadir. Sie haben ihr nahrhaftes Essen gegeben und sie konnte ihr Gewicht von 4 auf 5,7 Kilo erhöhen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Tochter gesund ist.» 

Obwohl es Sabirin viel besser geht, ist sie immer noch mangelernährt und wird in einem von UNICEF unterstützten Gesundheitszentrum behandelt. Dort wird sie weiterhin mit therapeutischer Fertignahrung ernährt.

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Khadijo bekommt gebrauchsfertige therapeutische Nahrung für ihre zweijährige Tochter Sabirin, die an akuter Mangelernährung leidet.

«Als wir aus dem Krankenhaus entlassen wurden, bat man mich, auf Hygiene zu achten», sagt Khadijo. «Sie zeigten mir, wie ich dem Baby die therapeutische Fertignahrung geben soll. Ich solle ihr morgens, mittags und abends einen Beutel geben und mir jeweils die Hände waschen. Sie baten mich, diese Fütterungsmethode strikt zu befolgen und das Krankenhaus zu kontaktieren, falls ich nicht wüsste, was zu tun sei.»

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Khadijo füttert ihre zweijährigen Tochter Sabirin mit therapeutischer Fertignahrung, wie es ihr im Krankenhaus aufgetragen wurde.

Sabirin hat überlebt. Sie ist eines von 44 000 somalischen Kindern, die im August 2022 zur Behandlung schwerer akuter Mangelernährung aufgenommen wurden. Die explodierende Zahl dieser Fälle bedeutet, dass derzeit jede Minute ein Kind wegen schwerer akuter Mangelernährung in eine Gesundheitseinrichtung eingeliefert wird.

UNICEF reagiert rasch auf diese Krise in Somalia und am gesamten von Dürre heimgesuchten Horn von Afrika. Um Familien in schwer zugänglichen Gebieten zu erreichen, setzt UNICEF mobile Such- und Behandlungsteams ein. In diesem Jahr hat UNICEF allein in den letzten drei Monaten mehr als 300 000 Kinder wegen schwerer akuter Mangelernährung behandelt und 500 000 Menschen durch Wassertransporte mit Trinkwasser versorgt.

Zusätzlich zur notwendigen Gesundheits-, Ernährungs- und Wasserversorgung will UNICEF 300 000 Kindern psychosoziale Unterstützung und Zugang zu formaler oder informeller Bildung bieten. Inmitten von Dürre, Vertreibung und Unsicherheit helfen diese Leistungen den Kindern, sich von ihren Traumata zu erholen.
 

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Khadijo und ihre vier Kinder werden von einer Gesundheitshelferin im UNICEF-unterstützten Weydow Health Centre betreut.

Die Mutter von Sabirin setzt grosse Hoffnungen in die Zukunft der Familie, nachdem sie es sicher in die Stadt geschafft haben. «Wegen der schweren Dürre sind Tiere und Ernten verendet; es gibt keinen Ort, an den wir zurückkehren können», berichtet Khadijo. «Ich möchte mich an das Stadtleben gewöhnen, damit meine Kinder hier zur Schule gehen und Ingenieure oder Maurer werden können. Ich möchte, dass meine Kinder eine Ausbildung erhalten und fleissig lernen, um sich ein besseres Leben zu ermöglichen. Und ich wünsche mir, dass Sabirin gute Leistungen im Studium erbringt und armen Menschen hilft.»