Neueste Zahlen zeigen: 45,3 Millionen Kinder sind weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen. Gleichzeitig brechen internationale Hilfsgelder dramatisch ein und gefährden den Schutz der verletzlichsten Betroffenen. Zum Weltflüchtlingstag macht UNICEF Schweiz und Liechtenstein mit einer Installation aus 45 Kinderfiguren vor dem Palais des Nations in Genf auf ihr Schicksal aufmerksam.
Kriege, Gewalt und Krisen zwingen Millionen Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Zwar ging die Zahl der vertriebenen Menschen 2025 erstmals seit zehn Jahren leicht zurück auf 117,8 Millionen, weil 14,7 Millionen Menschen in ihre Heimat zurückkehrten. Viele von ihnen taten dies jedoch unter widrigen Umständen. In ihren Herkunftsregionen trafen die Familien häufig nicht auf ein sicheres Zuhause, sondern weiterhin auf Konflikte, Unsicherheit und zerstörte Infrastruktur.
In Umfeldern wie diesen gehören Kinder zu den verletzlichsten Betroffenen. 2025 waren 45,3 Millionen auf der Flucht. Sie sind einem erhöhten Risiko von Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel und Kinderarbeit ausgesetzt und verlieren Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig müssen Kinder, die nicht zurückkehren, immer länger auf ihre Heimkehr warten. Wer als Kind unter fünf Jahren ins Exil flieht, verbringt im Median seine gesamte Kindheit in der Vertreibung. UNICEF Schweiz und Liechtenstein warnt deshalb eindringlich davor, die leicht sinkenden Zahlen als Entschärfung der humanitären Krisen zu missverstehen.
Die Installation vor dem Palais des Nations in Genf – dem Herz der internationalen Gemeinschaft – macht das Schicksal von Millionen Kindern sichtbar, die von Flucht und Vertreibung betroffen sind. Die 45 Figuren stehen stellvertretend für Kinder, die Schutz, Bildung und Perspektiven verloren haben.
Einbrechende Hilfsgelder verstärken Konflikte – und treffen Kinder zuerst
Eine Mitte Mai im Fachmagazin «Science» publizierte Studie unter der Leitung von Prof. Dominic Rohner von der Universität Lausanne zeigt zudem, dass der Wegfall internationaler Hilfsgelder Konflikte und Instabilität direkt verstärkt: In afrikanischen Regionen, die zuvor besonders stark von diesen Geldern abhängig waren, stieg nach dem Stopp die Zahl der Konfliktereignisse um 10,6 Prozent, die Zahl der Todesopfer bei Kämpfen um 9,3 Prozent. UNICEF warnt in seinem jüngsten Jahresbericht, dass drastische Kürzungen internationaler Hilfsgelder bereits heute die Unterstützung gefährden, auf die Millionen Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten angewiesen sind.
«Hinter jeder Zahl steht ein Kind mit Hoffnungen, Träumen und Rechten. Ob auf der Flucht, in der Vertreibung oder nach der Ankunft in einem sicheren Land: Kinder brauchen Schutz, Bildung und Perspektiven. Dass Millionen Kinder weiterhin unter solchen Bedingungen aufwachsen müssen, darf niemals zur Normalität werden», sagt Bettina Junker, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz und Liechtenstein.
Kinder tragen die Hauptlast von Konflikten und Gewalt
Auszug aus «45 Flucht-Fakten»
- 2025 lebte mehr als jedes fünfte Kind weltweit innerhalb von 50 km zu einem bewaffneten Konflikt.
- Rund eine Millionen Afghanen sind meist unter Druck von Pakistan zurückgekehrt. 80 Prozent waren Frauen und Kinder.
- Seit Ausbruch des Krieges im April 2023 wurden im Sudan mehr als 15 Millionen Menschen vertrieben – die grösste Vertreibungskrise der Welt.
- Rund 40 Prozent aller Asylgesuche in der Schweiz stammen von Kindern und Jugendlichen.
Diese Zahlen zeigen: Flucht endet nicht mit der Ankunft in einem sicheren Land. Kinder brauchen auch danach Schutz, Stabilität und Perspektiven. Dazu gehören Privatsphäre für Familien, Zugang zu Bildung ab dem ersten Tag, altersgerechte Freizeit- und Spielmöglichkeiten sowie eine angemessene medizinische und psychologische Betreuung. UNICEF Schweiz und Liechtenstein setzt sich deshalb für kindgerechte Mindeststandards in Asylunterkünften ein. Denn Kinder brauchen Schutz vor der Flucht, während der Flucht und nach der Flucht.
Gaza-Stadt, September 2025. Mitten in der Nacht wird die Unterkunft der Familie von Nour (10) und Yehya (3) direkt getroffen.
Die Mutter Rabab wird durch die Explosion geweckt. Sekunden später stürzen Trümmer über die Familie. Aus den Trümmern hört sie ihre Tochter schreien:
«Mama, Mama, hol mich unter den Trümmern hervor!»
Ihr Sohn Yehya überlebt ebenfalls verletzt. Für ihren ältesten Sohn Moaz (14) kommt jede Hilfe zu spät. Er wird bei dem Angriff getötet.
Sie verlassen ihr Zuhause. Erst im Licht brennender Zelte erkennt Rabab das Ausmass der Verletzungen ihrer Kinder. Nours Beine sind schwer zerstört, Yehya ist am Bein verletzt. Beide werden in Krankenhäuser gebracht.
Vor der Operation sagen die Ärzte zu Rabab nur einen Satz: «Beten Sie für Nour.» Ihre grösste Angst wird Realität. Die Zehnjährige verliert beide Beine und ihre rechte Hand.
Noch einen Tag zuvor hatte Nour mit ihren Freundinnen gespielt, Seil gesprungen und Himmel und Hölle gespielt. Als Nour nach der Operation erfährt, was passiert ist, steht sie unter Schock. «Ich werde nie wieder mit meinen Freundinnen spielen können», sagt sie. Nour weint noch immer viel. Immer wieder fragt sie nach ihrem Bruder Moaz, der bei diesem Angriff getötet wurde.»
Rababs Botschaft an die Welt ist schlicht: «Stoppt den Krieg. Nour hat das Leben geliebt. Gebt ihr ihre Beine zurück.»
Mafraq, Jordanien, 2023. Als der heute 14-jährige Ibrahim mit seinem Schulrucksack das Haus verlässt, wirkt sein Alltag auf den ersten Blick ganz gewöhnlich. Doch die Geschichte seiner Familie ist geprägt von Krieg, Flucht und jahrelanger Unsicherheit.
Vor über zehn Jahren flohen seine Eltern aus der syrischen Region Aleppo nach Jordanien. Eine ihrer Zwillingstöchter war bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Die Familie liess alles zurück und begann in der nordjordanischen Stadt Mafraq ein neues Leben. Die ersten Jahre waren hart: Die Familie lebte in einem Zelt und hatte oft kaum genug zu essen.
Trotz aller Schwierigkeiten wollten die Eltern ihren Kindern Bildung ermöglichen. Doch Schulmaterial, Kleidung oder Schulrucksäcke waren oft unerschwinglich. «Ich ging ohne Bücher und mit kaputten Schuhen zur Schule», erinnert sich Ibrahim. «Ich schämte mich für meine Situation und glaubte irgendwann nicht mehr daran, die Schule abschliessen zu können.»
Eine Wende brachte das UNICEF-Programm «Hajati». Die finanzielle Unterstützung ermöglicht besonders verletzlichen Familien, Schulmaterialien, Kleidung und andere wichtige Dinge für ihre Kinder zu kaufen.
Heute blickt Ibrahim hoffnungsvoller in die Zukunft. «Heute hasse ich die Schule nicht mehr. Ich glaube jetzt, dass Bildung meine Zukunft ist und mein Weg aus der Armut.»
Doch die Zukunft bleibt ungewiss. Wegen sinkender internationaler Hilfsgelder wurden Bildungs- und Unterstützungsprogramme für Flüchtlingsfamilien bereits reduziert. «Meine Familie ist auf diese Unterstützung angewiesen», sagt Abdulaziz. «Es macht mir Angst, dass meine Kinder vielleicht keine Chance auf eine bessere Zukunft haben werden.»