Die grössten Naturkatastrophen und Konflikte der letzten 10 Jahre – so half UNICEF

Jürg Keim
Jürg Keim

Überschwemmungen, Dürren, Epidemien, Wirbelstürme, Feuerinfernos und Kriege erschütterten die vergangenen 10 Jahre die Welt. Rund 2 Milliarden Menschen litten und leiden noch immer an den Folgen von Naturkatastrophen; weitere 70 Millionen Menschen mussten allein im Jahr 2019 wegen Kriegen, Konflikten oder Verfolgung aus ihrer Heimat flüchten. Wenn Menschen auf einen Schlag alles verlieren, wenn die Wasserversorgung nicht gewährleistet ist, Krankheiten ausbrechen oder sie an Hunger leiden, sind die Betroffenen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Auf Hilfe, die zu einem massgeblichen Teil über Spenden finanziert wird. 

Doch für welche Nothilfen haben Frau und Herr Schweizer sowie Schweizer Unternehmen und Stiftungen in der vergangenen Dekade am meisten an UNICEF Schweiz und Liechtenstein gespendet, und wie hat UNICEF all die Zuwendungen verwendet?

Die grössten Naturkatastrophen und Konflikte der letzten 10 Jahre – so half UNICEF
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Am 12. Januar 2010 erlebt die Bevölkerung auf Haiti das schwerste Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas. Über 230 000 Menschen kommen ums Leben, 2,1 Millionen Menschen werden vertrieben. Rund 4000 Schulen werden durch das verheerende Beben der Stärke 7.0 stark beschädigt oder ganz zerstört. Große Teile der Hauptstadt Port-au-Prince gleichen noch heute einem Trümmerfeld. 

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Jugendlicher in Port-au-Price, zwei Wochen nach dem Erdbeben. © UNICEF/UNI90109/Ramoneda

UNICEF reagiert unmittelbar nach dem Beben und stellt sauberes Wasser und sanitären Anlagen bereit, liefert Nahrungsmittel. Die Kindernothilfe-Organisation baut ausserdem Unterkünfte und Schulen und bietet medizinische Hilfe sowie Betreuung für Kinder an, die von ihren Familien getrennt worden sind.

10 Jahre nach der Katastrophe ist die Situation auf Haiti noch immer herausfordernd. Aufgrund verschiedener komplexer Faktoren, zu denen auch die sich verschärfende Ernährungsunsicherheit gehört, haben Kinder und Familien in Haiti wieder vermehrt Probleme. UNICEF engagiert sich deshalb weiterhin für die Kinder von Haiti und arbeitet mit der Regierung und anderen Partnerorganisationen zusammen, um gefährdete Kinder zu erreichen.

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Kind in einem Camp für binnenvertriebene Erdbebenopfer in Cité Soleil, Port-au-Prince. © UNICEF/UNI106782/Dormino

Es ist die schlimmste Dürre seit 60 Jahren am Horn von Afrika. Betroffen sind die Länder Kenia, Somalia, Äthiopien und Dschibuti. Über 12 Millionen Menschen leiden an den Folgen der Hungerkatastrophe: Über 500 000 Kinder sind stark mangelernährt und damit unmittelbar vom Tod bedroht. Weitere 1,6 Millionen Kinder und Erwachsene sind einem hohen Krankheitsrisiko ausgesetzt. Die steigenden Lebensmittelpreise und der anhaltende gewalttätige Konflikt in Somalia verschärft die Lage in den betroffenen Ländern. 

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Frauen und Kinder warten in einem Camp in Mogadischu auf Nahrungsmittelverteilung. © UNICEF/UNI114731/Gangale

UNICEF hat ein Nothilfeprogramm für die von der Dürre- und Nahrungsmittelknappheit betroffenen Länder und Regionen gestartet. In der zweiten Jahreshälfte von 2011 hat UNICEF zusammen mit Partnern in Somalia, Kenia, Äthiopien und Dschibuti 63 000 Tonnen Hilfsgüter zur Verfügung gestellt – darunter grosse Mengen therapeutische Zusatznahrung, Materialien zur Wasseraufbereitung, Impfstoffe, Moskitonetze und Schulmaterial. Das entspricht umgerechnet rund 2 500 voll beladenen LKWs. Fast eine Million mangelernährte Kinder in Ostafrika erhalten Zusatznahrung. Allein in Somalia kann UNICEF 455 000 akut mangelernährte Mädchen und Jungen erfolgreich in Ernährungszentren behandeln. Rund 2,7 Millionen Menschen haben seit Juli 2011 Zugang zu sauberem Wasser erhalten. 

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Junge isst in einer Schule einen hoch nährwertigen Porridge – oft die einzige Mahlzeit am Tag. © UNICEF/UNI115827/Njuguna

Im Jahr 2012 gab es kein grössere Nothilfe-Spendenaktion, zu der UNICEF Schweiz aufgerufen hat.

Die Philippinen gehören weltweit zu den 10 gefährdetsten Naturkatastrophen-Regionen. Am 8. November 2013 zerstört der Tropensturm Haiyan die Lebensgrundlage von 6 Millionen Kindern. Haiyan war einer der vernichtendsten Stürme der Geschichte. Er zerstörte Dörfer, Krankenhäuser und Schulen.  Am stärksten betroffen sind die Inseln der Visayas-Gruppe der östlichen und zentralen Philippinen. Häuser werden plattgemacht, Stromleitungen umgestürzt und Kommunikationssysteme zerstört.  Er hinterließ unzählige Verletzte und kostete mehrere Tausend Menschen das Leben.

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© UNICEF/UNI154371/Valcarcel Silvela

Während der ersten sechs Monaten nach dem Taifun hat UNICEF und seine Partner viel erreicht: Eine Million Menschen werden mit Trinkwasser versorgt, fast 100 000 Menschen erhalten Zugang zu Latrinen, 83 000 Kinder werden gegen Masern geimpft. UNICEF hat 470 000 Kinder mit Spiel- und Lernmaterial ausgestattet, 135 000 Kinder besuchen Notschulen. Nach der Katastrophe werden 128 Kinderzentren eingerichtet, die 25 000 Kinder regelmäßig besuchen. Im Rahmen eines Pilotprogramms erhalten über 15 000 verarmte Familien einen monatlichen Betrag von 80 Franken für Lebensmittel und den Aufbau einer neuen Lebensgrundlage.

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Kind mit UNICEF-Unterrichtsmaterial für die Schule. © UNICEF/UNI157096/Lane

Es ist ein dunkles Kapitel für Liberia. Von Sierra Leone und Guinea herkommend bahnt sich das Ebola Virus seinen Weg Richtung Südosten nach Liberia. Die Epidemie erweist sich als der bisher schlimmste und tödlichste Ebola-Ausbruch in der Geschichte der Menschheit. Liberia schliesst seine Grenzen, ebenso verfügt die Regierung die vorübergehende Schliessung aller Schulen im Land. Über 11 000 Menschen fallen dem tödlichen Fieber zum Opfer, davon stammen 4 800 Menschen aus Liberia.

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Taxifahrer transportiert an Ebola erkrankte Frau ins Krankenhaus. © UNICEF/UNI172217/Kesner

UNICEF wirkt an vorderster Front mit, um auf den Ebola-Ausbruch zu reagieren und ihn möglichst schnell einzudämmen. In der Bevölkerung herrscht panische Angst. Die UN-Kinderhilfsorganisation verteilt Flaschen mit Chlor zum Händewaschen und zur Wasseraufbereitung im Haushalt sowie Seifenstücke. Eine intensive Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit startet, denn viele Menschen kennen die Krankheit nicht, glauben nicht daran oder wissen nicht, was sie tun können. UNICEF Mitarbeiter verteilen Flugblätter auf der Strasse oder mit einer Tür-zu-Tür-Kampagne und verbreiten so Informationen über den Ebola Virus. Wiederum andere klären im Radio über Ansteckungsrisiken auf und informieren über vorbeugende Massnahmen. UNICEF leistet ausserdem so lange Überzeugungsarbeit bei Mitarbeitern der Behörden und religiösen Führern, bis alle die Fakten kennen. 

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UNICEF Mitarbeiter verteilt Flugblätter zur Prävention einer möglichen Ebola-Ansteckung. © UNICEF/UNI167524/Jallanzo

Am 25. April und 12. Mai 2015 erschüttern zwei schwere Erdbeben Nepal. Insgesamt sind mehr als 8 Millionen Menschen betroffen, fast 9 000 Menschen kommen ums Leben. 600 000 Familien werden über Nacht obdachlos. In den am stärksten von der Katastrophe betroffenen Gebieten benötigen insgesamt 1,7 Millionen Kinder dringend humanitäre Hilfe. Wohnhäuser, Schulen und lebenswichtige Infrastrukturen, einschließlich Krankenhäuser, werden schwer beschädigt oder zerstört.

Die grössten Naturkatastrophen und Konflikte der letzten 10 Jahre – so half UNICEF
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In Zusammenarbeit mit der Regierung und anderen Partnerorganisation hilft UNICEF die Wasserversorgung sicherzustellen und Nahrungsmittel zu beschaffen. Die Kinderhilfs-Organisation stellt sanitäre Einrichtungen bereit sowie Zelte und Planen, unter anderem für Krankenhäuser. UNICEF stellt medizinische Notfallausrüstung zur Verfügung, baut kinderfreundliche Zonen und bestückt diese mit Spielsachen. Es werden 1400 Not-Klassenzimmer aufgebaut, in denen 135 000 Kinder weiterhin Schulunterricht erhalten. Ausserdem hilft UNICEF, Kinder zu identifizieren, die von ihren Familien getrennt wurden.

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Kinder spielen in einer kinderfreundlichen Zone in Stadt Charikot, wo das Epizentrum lag. © UNICEF/UNI186145/Sokol

Nach nahezu neun Jahren Krieg in Syrien ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung – namentlich 11 Millionen Menschen – auf humanitäre Hilfe angewiesen. 5,6 Millionen Menschen leben mit ihren Familien seit Jahren unter schwierigsten Bedingungen in einem syrischen Nachbarland, in das sie geflohen sind. Gerade die Kinder leiden am meisten unter den Folgen des Krieges. Viele syrische Mädchen und Jungen kennen nichts als Krieg und mussten schon mehrfach fliehen. Sie sind erschöpft, häufig schlecht ernährt und anfällig für Krankheiten.

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Zwei Freunde in Ost-Aleppo transportieren Wasser für ihre Familien. © UNICEF/UN046894/Al-Issa

UNICEF setzt sich an vorderster Front für die Kinder und ihre Familien in Syrien ein und versorgt sie mit sauberem Wasser, Medikamenten, Kleidern, sanitären Anlagen oder Spezialnahrung für mangelernährte Kinder. Die Kinderhilfs-Organisation bietet ausserdem psychosoziale Betreuung für traumatisierte Kinder an und investiert im grossen Masse in die Schulbildung. Denn: über 2 Millionen Kinder gehen in Syrien aktuell nicht zur Schule. UNICEF ist aber auch in den Nachbarländern präsent und versorgt die syrischen Flüchtlings-Familien mit dem Allernötigsten. Für 2020 benötigt UNICEF für ihre Arbeit rund um den Syrienkonflikt 1,16 Milliarden US-Dollar, wovon rund 75 Prozent für die syrischen Flüchtlinge verwendet werden sollen.

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Unterirdischen Einrichtungen wie Keller und Höhlen werden von Kindern zum Lernen genutzt. © UNICEF/UN041534/anonymous

Die humanitäre Lage in den Ländern Südsudan, Somalia und Nigeria spitzt sich zu: Der Südsudan, der jüngste Staat der Erde, kommt nicht zur Ruhe: Bewaffnete Auseinandersetzungen, eine drohende Hungerkrise und gefährliche Krankheiten wie Cholera gefährden das Leben von mehr als sechs Millionen Menschen. Die Kinder leiden am meisten unter der dramatischen Ernährungssituation im Land. Auch der Konflikt in Nigeria weitet sich aus. Rund zwei Millionen Menschen brauchen alleine im Nordosten Hilfe. Mädchen und Jungen sind in Gefahr, von den Rebellen rekrutiert und als Soldaten, Selbstmord-Attentäter oder Kriegssklaven missbraucht zu werden. Den Mädchen drohen Vergewaltigungen, zudem werden sie besonders oft zu Selbstmordanschlägen gezwungen. In Somalia leiden schätzungsweise 6,2 Millionen Menschen an der anhaltenden Dürre und der damit zusammenhängenden Lebensmittelknappheit.

© UNICEF/UN066015/Hatcher-Moore
© UNICEF/UN066015/Hatcher-Moore

Zu den gemeinsamen Anstrengungen von UNICEF und dem Welternährungsprogramm gehören die Bereitstellung von Nahrungsmittel- und Wassergutscheinen für Hunderttausende von Menschen sowie die Unterstützung in den Bereichen Bildung, Wasser und sanitäre Einrichtungen. Die Dürre führt auch zu einem Anstieg der durch Wasser übertragenen Krankheiten. UNICEF und das Welternährungsprogramm arbeiten gemeinsam daran, ihre Massnahmen in zugänglichen Gebieten, in denen Millionen von Menschenleben gefährdet sind, zu verstärken. 

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Ein schwer mangelernährtes Mädchen trinkt therapeutische, nährstoffreiche Spezialmilch. © UNICEF/UN0152183/Gonzalez Farran

Am 28. September 2018 wird die indonesische Insel Sulawesi von einem Erdbeben der Stärke 7,4 getroffen, gefolgt von einem Tsunami mit bis zu 6 Meter hohen Wellen. 
Über 2000 Menschen haben die Naturkatastrophe nicht überlebt. Rund 70 000 Häuser werden zerstört oder schwer beschädigt, über 200 000 Menschen müssen ihr Zuhause verlassen. Einen Monat später sind schätzungsweise 375 000 Kinder im der Gegend, wo das Epizentrum lag, weiterhin dringend auf Hilfe angewiesen. 100 000 Mädchen und Buben benötigen psychosoziale Hilfe, um ihre Erlebnisse besser verarbeiten zu können.

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Rettung eines 15-jähriges Kindes, das 48 Stunden in den Trümmern seines Hauses gefangen war. © UNICEF/UN0239947/Tirto.id/@Arimacswilander

Etwa 5 000 Kinder haben beim Naturereignis ihre Angehörige verloren oder sind von ihnen getrennt worden. UNICEF reagiert schnellstmöglich und errichtet im Katastrophengebiet 12 Stellen, um Kinder zu identifizieren, die von ihren Familien getrennt oder unbegleitet sind. Diese Stellen werden auch als sichere Räume für Kinder zum Spielen und zur Erholung genutzt. Eine nächste Priorität von UNICEF besteht darin, Kindern wieder den Schulbesuch zu ermöglichen– ein wichtiger Schritt, um Normalität im Alltag wiederherzustellen. Innerhalb eines Monats hat UNICEF 200 Schulzelte, 200 «Schulen in der Kiste» und 50 «Kindergarten in der Kiste» mit Lern- und Spielmaterial in die Region besorgt. Weitere 250 Schulzelte werden in den kommenden Wochen noch aufgebaut. 

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Kinder erhalten von einem von UNICEF unterstützten Spezial-Team psychosoziale Hilfe angeboten. © UNICEF/UN0245809/Wilander

Der Zyklon Idai hat am 14. März 2019 dramatische Überschwemmungen im Südlichen Afrika, namentlich Mosambik, Malawi und Simbabwe, mit sich gebracht. Der heftige Wirbelsturm lässt 240 000 zerstörte Häuser, schlammiges Wasser sowie weit über eine Million hilfsbedürftige Kinder zurück. 600 Menschen sterben durch den Zyklon. Weite Teile der Region sind überschwemmt. Nur wenige Wochen nach Idai wird Mosambik im April von einem zweiten Wirbelsturm getroffen: von Zyklon Kenneth. Und bereits bahnt sich die nächste Katastrophe an: Innert zwei Wochen werden über 500 Cholera-Fälle gemeldet.

© UNICEF/UN0320888/De Wet
Geschwister stehen vor ihrer selbst gebauten Notunterkunft. Eltern haben sie keine mehr. © UNICEF/UN0320888/De Wet

Nach der verheerenden Katastrophe sind UNICEF-Helfer rund um die Uhr im Einsatz. Es gibt kaum Trinkwasser. Die Helfer versuchen alles, um den Ausbruch von Krankheiten wie der Cholera zu verhindern, die besonders für die Kleinsten lebensgefährlich sind. UNICEF errichtet 11 Cholera-Behandlungszentren, stellt Choleratabletten und Medikamente zur Verfügung. Ausserdem beschafft und verschickt die Kinderhilfs-Organisation rund 1 Millionen Impfdosen und startet eine breit angelegte Cholera-Impfkampagne, die verhindert, dass sich die Cholera epidemisch verbreiten kann. 

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Kind erhält in einem Cholera-Behandlungszentrum den lebensrettenden Impfstoff OVC. © UNICEF/UN0295302/Oatway