Kinderarbeit ist real – für jedes 10. Kind auf dieser Erde

Jürg Keim
Jürg Keim

Ausbeuterische und schädigende Kinderarbeit ist in den vergangenen vier Jahren um 8 Millionen Kinder auf 160 Millionen Mädchen und Buben gewachsen. Was Kinderarbeit bedeutet, zeigen die folgenden zwölf Einzelschicksale. Ausserdem lesen Sie die neusten Enwicklungen zum Thema Kinderarbeit und erhalten die wichtigen Antworten auf die wichtigsten Fragen.

© UNICEF/UN020100/Khuzaie
Dieser Junge arbeitet täglich mit seinem Vater in einer Werkstatt im Zentrum von Bagdad. Im Irak verrichten 6% der Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren Kinderarbeit. Armut ist für etwa ein Viertel der Bevölkerung eine tägliche Realität. Die letzten drei Jahrzehnte hatten verheerende Auswirkungen auf das Leben der irakischen Bürger.
© UNICEF/UNI277634/Berger
In einer Ziegelsteinfabrik außerhalb des Stadtzentrums von Dhaka in Bangladesch arbeitet dieser 14-jährige Bub seit einem Jahr. Nachdem die 3 kg schweren Steine geformt sind, muss er sie auf Karren stapeln. Die vollbeladenen, rund 350 kg schweren Karren werden dann zu zweit zur nächsten Station gezogen und geschoben.
© UNICEF/UN0293787/Keïta
Ein Mädchen, das auf dem Goldminengelände von Massakama in der Region Kayes, Mali, arbeitet, wäscht mit einer Kalebasse nach Gold. Es wird geschätzt, dass 20% der in den Minen Malis arbeitenden Arbeiter Kinder sind. Weltweit verrichten über eine Million Mädchen und Buben in Bergwerken und Steinbrüchen Kinderarbeit.
© UNICEF/UNI277361/Berger
Einem 13-jährigen Jungen fliegen bei der Arbeit Metallsplitter ins Gesicht. Er arbeitet schon seit vier Jahren in einer Aluminiumfabrik in Kamrangichar, einem Bezirk in der Hauptstadt von Dhaka. Die Fabrik ist nicht registriert und damit einer der vielen inoffiziellen Betriebe in Bangladeschs Hauptstadt.
© UNICEF/UNI213014/Prinsloo
Kinder laufen durch eine Mülldeponie im Bezirk Buterere in Bujumbura, der ehemaligen Hauptstadt von Burundi, um aus verwertbaren Abfällen ein paar Burundi-Francs zu machen. Durch politische Krisen und Unruhen in den letzten Jahren versank das Land immer mehr in der Armut.
© UNICEF/UNI272535/Claude
In Burkina Faso gibt es rund 600 Minen. In jeder Mine arbeiten schätzungsweise 1 000 Kinder. Auch dieses Kind zerkleinert in einem Steinbruch in Pissy, einem Stadtteil von Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Burkina Faso, Steine mit einem Mörser.
© UNICEF/UN0275997/Rich
Es ist eine der schlimmsten Formen von Kinderarbeit: Kindersoldaten. Hier zwei Kinder in Yambio, im Südsudan, während einer Zeremonie, um sie aus den Reihen der bewaffneten Gruppen zu entlassen und einen Prozess der Reintegration zu beginnen. Mehr als 200 Kinder wurden damals von bewaffneten Gruppen im Südsudan freigelassen.
© UNICEF/UNI328121/Haro
Ein Junge holt täglich Wasser für seine Familie und die nigerianische Flüchtlingsfamilie, die sie in ihrem Haus in Maradi, Niger, aufgenommen haben. Der Mangel an schulischer Infrastruktur inklusiv der Lehrermangel, erschwert den Zugang zur Bildung, was die Anfälligkeit der Kinder für die schlimmsten Formen der Kinderarbeit erhöhen kann.
© UNICEF/UNI236036/Noorani
Beim täglichen Wasserholen steht dieses junge Mädchen in der Nähe einer Wasserstelle ausserhalb ihres Dorfes, etwa 20 km westlich von El-Fasher im Sudan. Ein Viertel aller Kinder im Sudan sind in irgendeiner Form in Kinderarbeit verwickelt.
© UNICEF/UN043229/Romenzi
Ein syrisches Flüchtlingskind fährt auf einem Feld im Bekaa-Tal im Libanon die Ernte ein, um seine Familie mit zu ernähren. Heute sind weltweit rund 70 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Elend. Je länger die die Flucht dauert, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie arbeiten müssen.
© UNICEF/UN0155487/Sujan
Die Rohingya-Kinder hackten zuvor das Brennholz in einem weit entfernten Dschungelgebiet und bringen das Holz nun zurück nach Cox’s Bazar, dem grössten Flüchtlingslager der Welt, das in Bangladesch liegt. Gemäss einer Umfrage arbeitet die Hälfte der befragten Flüchtlingskinder mindestens sieben Stunden täglich. Ein Drittel arbeitet sieben Tage die Woche.
© UNICEF Kenya/2017/Knowles-Coursin
Junge Ziegenhirten verlassen die Stadt mit ihren Ziegen im Norden von Kenia. Mehr als 2/3 aller Mädchen und Buben, die Kinderarbeit nachgehen, sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Oft arbeiten sie täglich und dies bei extrem langen Arbeitszeiten. Für die Schule fehlt da oft die Zeit.

Kinderarbeit ist nicht gleich Kinderarbeit

Es muss nicht per se schlecht sein, wenn Kinder ihren Eltern auf dem Feld, auf dem Markt oder im Laden mithelfen. Ganz im Gegenteil kann Helfen und Verantwortung übernehmen für die Entwicklung eines Kindes förderlich sein. Aber: Die Arbeit muss dem Alter des Kindes entsprechen und darf weder gefährlich noch ausbeuterisch sein. Sobald sie die körperliche oder seelische Entwicklung des Kindes schädigen und sie vom Schulbesuch abhalten, verstossen diese Tätigkeiten gegen die Kinderrechtskonvention. Man spricht dann von Kinderarbeit, die verboten ist und abgeschafft gehört.

Auswirkungen von Covid-19 auf Kinderarbeit

Die Pandemie hat das Risiko von Kinderarmut deutlich erhöht, vor allem durch eine starken Anstieg der Armut, der die Abhängigkeit der Familien von Kinderarbeit erhöhen kann, und durch Schulschliessungen, die den Familien die logische Alternative verwehren, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.
Die Covid-19-Krise droht die weltweiten Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit weiter zu untergraben, wenn nicht dringend Massnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Neue Analysen gehen davon aus, dass bis Ende 2022 weitere 8,9 Millionen Kinder von Kinderarbeit betroffen sein werden, als Folge der durch die Pandemie verursachten steigenden Armut. Es gibt aber auch Szenarien, die aufzeigen, dass diese Zahl auch auf 46 Millionen ansteigen könnte.

Schule ist ein Muss

Weltweit gehen rund ein Drittel der Kinder, die Kinderarbeit verrichten, nicht zur Schule. Und Abermillionen Kinder besuchen zwar den Schulunterricht, arbeiten aber nebenbei hart. Diese Doppelbelastung ist für viele Kinder oft zu viel. Die Folge: Sie brechen die Schule entweder vorzeitig ab oder ihre Leistungen lassen im Vergleich mit anderen Kindern, die nicht parallel zur Schule arbeiten müssen, deutlich nach. Damit verbauen sie sich eine Chance für eine bessere Zukunft und auf eine fair bezahlte Arbeit. 
Aufgrund der durch Covid-19 erfolgten Schulschliessungen fand für Millionen von Kindern monatelang kein Unterricht mehr statt. Oft bleiben Kinder trotz Wiedereröffnungen vieler Schulen dem Unterricht fern. 

Haupttreiber Armut 

Der Hauptgrund für Kinderarbeit ist Armut. Viele Eltern haben indes oft keine andere Wahl als ihre Kinder auf Plantagen, Müllhalden oder in Fabriken und Minen zu schicken, damit die Familie über die Runden kommt. Und sie sehen oft auch nichts Schlechtes darin. Denn wenn es ums nackte Überleben geht, denkt man nicht primär an die Schuldbildung der Kinder. Kinderarbeit bleibt deshalb eine Realität, solange es Armut gibt auf dieser Welt. 

Kinderarbeit nimmt in absoluten Zahlen wieder zu

Weltweit stagniert die Kinderarbeit seit 2016. Der prozentuale Anteil der Kinder in Kinderarbeit blieb in den vergangenen vier Jahren unverändert (jedes 10. Kind), während die absolute Zahl der Kinder in Kinderarbeit um über 8 Millionen anstieg. Ebenso blieb der prozentuale Anteil der Kinder in gefährlicher Arbeit nahezu unverändert, stieg aber in absoluten Zahlen um 6,5 Millionen Kinder an.

Dramatische Lage in der Subsahara Zone  

Kinderarbeit ist regional unterschiedlich verteilt: Während in Asien, Lateinamerika und in der Pazifik-Region Kinderarbeit seit ein paar Jahren rückläufig ist, legt die Kinderarbeit insbesondere in der Subsahara-Zone (unterhalb der Sahara) hingegen wieder zu. Jedes fünfte Kind in Afrika verrichtet Kinderarbeit. Insbesondere in Gegenden, wo bewaffnete Konflikte, Dürren oder heftige Regenfälle der Bevölkerung zu schaffen machen, treibt die tägliche Not die Kinder eher zur Arbeit. 

Vorwiegend im Landwirtschaftssektor

70% der Kinder arbeiten in der Landwirtschaft, zu der die Fischerei, die Forstwirtschaft oder die Viehzucht zählt. Im Dienstleistungssektor sind rund 20% Kinder beschäftigt, etwa als Dienstboten oder Haushaltshilfen, oder im Sexgewerbe, das zunehmend auch online stattfindet. Im Industriesektor sind 10% Kinder tätig, einschliesslich im Bergbau. Über zwei Drittel der Kinder arbeiten jedoch im Familienverbund mit, das heisst, sie bestellen entweder das Feld, hüten Tiere oder helfen im familieneigenen Betrieb mit. Oft arbeiten die Kinder zwölf Stunden am Tag oder länger und erhalten für ihre Arbeit grundsätzlich keinen Lohn.

Wege aus der Kinderarbeit

Der beste Schutz vor Kinderarbeit liegt in der Bekämpfung der Armut, denn wo die Armut wächst, wenn in aller Regel auch Kinderarbeit.
Aber auch eine konsequente Förderung der Geburtenregistrierung würde den Schutz von Kindern stark erhöhen. Denn sobald ein Kind überhaupt offiziell existiert, wird die Gefahr, dass es ausgebeutet wird, verkleinert. 
Aber es müssen auch mehr Mittel für die Bildung bereitgestellt sowie die Rückkehr aller Kinder zur Schule sichergestellt werden.
Nicht zuletzt braucht es bessere Arbeitsbedingungen für die Erwachsenen. Das beinhaltet auch besser Löhne für die Angestellten. Denn nur wer genug verdient, kann auch seine Familie ernähren und ist nicht darauf angewiesen, dass seine Kinder arbeiten müssen, um das Überleben der Familie mit zu tragen.

Unternehmen in die Pflicht nehmen

Nebst Regierungen, die entsprechende Gesetze gegen Kinderarbeit und zum Schutz der Kinderrechte schaffen und wirksam umsetzen müssen, sind auch Unternehmen in die Pflicht zu nehmen. Denn sie tragen eine grosse gesellschaftliche Verantwortung. UNICEF hat hierfür zusammen mit dem «Global Compact» und «Save the Children» insgesamt zehn Leit-Prinzipien geschaffen, die vorgeben, wie Unternehmen Kinderrechte besser respektieren können. So muss sich ein Unternehmen etwa bewusst machen, dass seine Tätigkeiten weit reichende negative Auswirkungen auf eine breite Anzahl von Kinderrechten haben kann und, dass es entsprechende Gegenmassnahmen ergreifen muss. Darunter fällt etwa, dass ein Unternehmen seinen Mitarbeitenden faire Arbeitsbedingungen gewährleistet oder dass es sicherstellt, dass die Gesundheit aller Mitarbeitenden geschützt ist.