Jugend-Blog: «Bringe ich das Virus nach Hause und gefährde meine Familie?»

Die 16-jährige Mittelschülerin Ginja erzählt von ihren Erfahrungen mit Homeschooling und weshalb sie den Präsenzunterricht in der aktuellen Zeit hinterfragt.

Ginja, 16-jährig

Hey! Mein Name ist Ginja, ich bin 16 Jahre alt und besuche seit 2 Jahren die Kantonsschule in St. Gallen. Momentan habe ich Präsenzunterricht, doch wer weiss, was die Zukunft bringen wird. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht über die Zukunft spekulieren, sondern über meine Vergangenheit berichten. Als Mitte März 2020 unsere Schule praktisch über Nacht auf Fernunterricht umgestellt wurde, musste ich feststellen, dass diese für mich ganz neue Form des Unterrichts einige Fallstricke bereithielt. Es brauchte schon Überwindung, morgens zeitig aufzustehen und sich auf den Unterricht vorzubereiten. Und während der Unterrichtszeit war es nicht leicht, sich auf sein iPad zu konzentrieren, wenn da ein voller Kühlschrank mit feinem Essen lockte, der Hund sehnsüchtig auf Umarmungen wartete oder das Handy ständig um Aufmerksamkeit flehte.

Shame on me – aber während der ersten Fernunterrichtsphase tat ich oftmals nicht das, was ich hätte tun sollen. Kurz vor dem Sommer ging dann der Präsenzunterricht wieder los und ich musste feststellen, dass ich mir in einigen Fächern erhebliche Defizite eingefangen hatte. So blieb mir nichts Anderes übrig als das Verpasste in meiner Freizeit und teils auch während der Sommerferien aufzuarbeiten. Das war zeitaufwändig und nervenaufreibend. Damals sagte ich mir: Sollte es nochmals zu einem Lockdown kommen, passiert mir dieser Fehler nicht nochmals.

«Vor jedem Unterrichtsstart habe ich mir im Wohnzimmer einen Arbeitsplatz eingerichtet.» 

Ginja, 16

Als ich dann hörte, dass es anfangs Jahr wieder in den Fernunterricht geht, habe ich mich daher sogar etwas gefreut. Vor jedem Unterrichtsstart habe ich mir im Wohnzimmer einen Arbeitsplatz eingerichtet. Damit schaffte ich für mich das Gefühl, in einen neuen Raum – meinen Raum – zu kommen. Ich legte meine Notizbücher bereit, stellte sicher, dass ich nicht gestört wurde und bereitete mich jeweils einige Minuten vor Unterrichtsbeginn nochmals kurz vor. So konnte ich mich auf den Unterricht fokussieren. Natürlich half mir während dieser Zeit nicht nur dies. Die Lehrer hatten auch ihre Fernunterrichtskonzepte optimiert, der Unterricht wurde strikter durchgeführt und alle mussten die Kamera anschalten. Dank des effektiven Arbeitens war ich oftmals schon früh am Nachmittag fertig, was mir die Möglichkeit gab, Dinge zu erledigen für die ich sonst keine Zeit gehabt hätte. So habe ich mehr mit meiner Familie gespielt, mehr Sport gemacht und bin öfters mit meinem Hund spazieren gegangen.

Natürlich durfte der soziale Kontakt zu meinen Mitschülern nicht fehlen. Wir telefonierten oft während den Pausen und erzählten uns, was so bei uns läuft. Das ist nicht dasselbe wie in der Schule, aber wir haben den virtuellen Austausch in dieser Zeit auch weiterentwickelt. So hatte ich vermehrt auch Kontakt zu Menschen, die ich vorher gar nicht gut kannte und jetzt gute Freunde von mir sind.

«Wir lernen im Fernunterricht auch neue und meines Erachtens wichtige Kompetenzen für unsere Zukunft.» 

Ginja, 16

Die zentrale Frage, die wir uns während dieser zweiten Phase des Fernunterrichts täglich stellten, war: «Wie geht es nach den angekündigten zwei Wochen Fernunterricht weiter?» Die Fallzahlen entwickelten sich in eine kritische Richtung, die neuen Virenvarianten führten zu Verunsicherungen, und der Bundesrat schloss Läden und Restaurants. Ich war überzeugt, dass es mit dem Fernunterricht weitergehen würde. Doch ich hatte falsch gedacht, denn auf einmal sass ich wieder im Bus auf dem Weg zur Schule. Ich fühlte mich ein wenig als wäre ich im falschen Film. Wie war die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts an Mittel- und Berufsschulen mit dem sonstigen Lockdown und der Homeoffice-Plicht vereinbar? Es hiess, wir lernen im Präsenzunterricht mehr und effizienter. Auch von den kritischen Folgen des Fernunterrichts für einzelne Schülerinnen und Schüler wurde gesprochen. Und man erwähnte die Schutzkonzepte der Schulen. Ich kann diese Aspekte nachvollziehen, habe aber für uns Mittelschülerinnen und Mittelschüler schon auch gewisse Fragezeichen. Natürlich, im Fernunterricht ist es für einige Schüler anspruchsvoller, den Anschluss nicht zu verlieren. Doch denken wir einmal in die Zukunft. In wenigen Jahren werden die jetzigen Kantischülerinnen und -schüler an verschiedenen Fachhochschulen oder Universitäten studieren. Auf dieser Stufe wird sehr stark auf Eigenverantwortung gesetzt. Es zählt weniger die Präsenz, sondern stärker die Lernprozesse und die Leistungen. Ich frage mich deshalb: Hätten wir momentan nicht eine gute Situation, um uns mit Unterstützung der Mittelschul-Lehrpersonen auf diesen künftigen Weg der Eigenverantwortung vorzubereiten? Insofern lernen wir im Fernunterricht auch neue und meines Erachtens wichtige Kompetenzen für unsere Zukunft. 
 

«Ich frage mich, ob nicht letztlich ich das Virus nach Hause bringe und damit die Gesundheit meiner Familie gefährde?» 

Ginja, 16

Es ist mir auch bewusst, dass die Schulen sich Mühe geben mit ihren Schutzkonzepten. Natürlich werden die Masken getragen und die Zimmer gelüftet. Aber die Infrastruktur der Schulen ist nun mal nicht auf eine Pandemie ausgerichtet. So bilden sich grosse Schüleransammlungen vor den Mikrowellengeräten oder wir essen gemeinsam vor den Spinden, weil aufgrund der Platzbeschränkungen nur ein Bruchteil des Platzbedarfs abgedeckt wird. Und die meisten von uns nutzen täglich die öffentlichen Verkehrsmittel. Unter diesen Umständen frage ich mich, ob nicht letztlich ich das Virus nach Hause bringe und damit die Gesundheit meiner Familie gefährde? Gerade momentan – mit der Unsicherheit des neuen Virus – müssen wir uns die Frage stellen, ob uns der Präsenzunterricht an Mittelschulen das damit verbundene Risiko Wert ist? Der Entscheid zur Rückkehr in die Schule wurde sicher in guter Absicht gefällt, aber ohne Einbezug von uns Mittelschülerinnen und Mittelschülern. Wäre es möglich, uns bei so wichtigen Überlegungen mit einzubeziehen? 

Ganz viele Fragen, auf die ich keine abschliessende Antwort habe, die es aber Wert wären, ausführlicher diskutiert zu werden. Und letztlich noch ein Gedanke: Natürlich ist es korrekt, dass wir in der Homeschooling-Phase anders lernen. Natürlich sind mit Fernunterricht auch Nachteile verbunden. Doch wo ist es gerechtfertigt, unseren Anspruch auf Präsenzunterricht über die Gesundheit von uns und insbesondere von unseren Familienmitgliedern zu stellen? Eine Antwort darauf habe ich ebenso wenig – dafür aber ein grosses Diskussionsbedürfnis.


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