Jahrzehnte nach dem Indochina-Krieg prägen Armut, eingeschränkte Bildungschancen und Blindgänger noch immer den Alltag vieler Kinder in Laos. Drei Geschichten zeigen, wie gezielte Kinderschutzarbeit Zukunftsaussichten schafft.
Laos steht im Schatten seiner Nachbarn. Während Vietnam und Thailand in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben, blieb der Fortschritt in Laos weitgehend aus. Umso wichtiger ist langfristige Entwicklungszusammenarbeit in einem Land, das heute nicht von akuten geopolitischen Krisen geprägt ist, dessen strukturelle Herausforderungen jedoch seit Jahrzehnten bestehen.
Ein zentraler Grund dafür liegt in der Geschichte: Während des Vietnam-Kriegs – in Laos als Indochina-Krieg bezeichnet – wurden zwischen 1964 und 1973 über 270 Millionen Bomben über dem Land abgeworfen, ein Grossteil davon Streubomben. Rund 30 Prozent dieser Bomben explodierten nicht. Die Blindgänger sind noch heute über weite Landesteile verteilt, machen landwirtschaftliche Flächen unbrauchbar und gefährden die Bevölkerung im Alltag. Der Krieg ist zwar längst vorbei, seine Folgen sind es nicht.
Im Rahmen einer Medienreise mit chmedia begleitete ich einen Reporter nach Laos. Die Reportage führt in die Hauptstadt Vientiane und nach Xieng Khouang im Nordosten des Landes, nahe der Grenze zu Vietnam, und macht diese Realität eindrücklich sichtbar. Zu sehen sind abgelegene Dörfer, eine Schule, einfache Häuser und Kinder, deren Leben bis heute von Krieg, Armut und Ausgrenzung geprägt ist. Drei Geschichten stehen exemplarisch für viele.
Khamnoy – Aufwachsen bei der Grossmutter
Khamnoy ist neun Jahre alt und lebt bei seiner 63-jährigen Grossmutter im Distrikt Khoun, einer ländlichen Region in der Provinz Xieng Khouang. Seine Mutter hat als Jugendliche geheiratet, erlebte häusliche Gewalt und verliess schliesslich die Familie. Der Vater wollte nichts von seinem Kind wissen. Für Khamnoy bedeutete das einen frühen Bruch in seiner Kindheit. Heute wächst er in sehr einfachen Verhältnissen auf. Seine Grossmutter verfügt kaum über Einkünfte. Um Feuer zu machen, dient Plastik als Zunder, ein kleiner Garten mit Ananas und vereinzelten Bananenstauden trägt zur Ernährung der Familie bei.
Dass Khamnoy heute zur Schule gehen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Über das lokale Kinderschutznetzwerk wurde er von Partnern und UNICEF erfasst und begleitet. Die Einstufung der Familie als «arm» ermöglichte unter anderem den Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung sowie Unterstützung beim Schulbesuch des Kindes. Vor Ort zeigte sich Khamnoy als aufgewecktes Kind, das uns stolz seinen Schulranzen demonstrierte. Seine Geschichte macht sichtbar, wie eng Frühverheiratung, Gewalt und Kinderarmut miteinander verbunden sind – und wie wichtig möglichst frühe Intervention ist.
Mich beeindruckte die Energie und der Humor von Khamnoys Grossmutter. Trotz der schwierigen Umstände strahlt sie eine grosse Resilienz aus. Gleichzeitig stellte sich mir unweigerlich die Frage, was aus dem Buben würde, wenn sie eines Tages nicht mehr für ihn sorgen könnte.
Kayeng – die unsichtbaren Folgen eines vergangenen Krieges
Kayeng lebt im Dorf Thong im Distrikt Khoun in der Provinz Xieng Khouang. Dort verlor er im Alter von zwei Jahren durch die Explosion eines Blindgängers sein Augenlicht. An einem kalten Morgen machte er mit älteren Cousins hinter dem Haus ein Feuer. Die Hitze löste die Explosion aus. Seine Cousins trugen dabei nur leichte Verletzungen davon, Kayeng jedoch wurde schwer verletzt. Der Krieg lag Jahrzehnte zurück, als der Blindgänger explodierte.
Heute besucht Kayeng eine Sonderschule für Kinder mit Beeinträchtigungen in Vientiane. In seiner Heimatprovinz gibt es kein Bildungsangebot, das seinen Bedürfnissen gerecht würde. Das lokale Kinderschutznetzwerk, das UNICEF gemeinsam mit staatlichen Partnerorganisationen mitträgt und begleitet, wurde auf seinen Fall aufmerksam und leitete ihn an die zuständigen Stellen weiter. Der Schulbesuch ermöglicht ihm Bildung, Struktur, soziale Teilhabe und vor allem Perspektive.
Kayeng erzählte mir von seinem Wunsch, später Code für Software zu entwickeln. Sein Vater hofft, dass sein Sohn eines Tages als Masseur arbeiten kann. Zwischen diesen beiden Vorstellungen liegt Kayengs Zukunft. Entscheidend ist, dass der 15-Jährige heute reale Möglichkeiten hat.
Kayengs Geschichte stimmt nachdenklich. Nicht nur, weil ein einzelnes Kind durch Kriegsüberreste schwer verletzt wurde, sondern weil Blindgänger bis heute ein ganzes Land in seinem Potenzial einschränken.
Yuaya – Entwicklungsarbeit braucht Zeit und Begleitung
Yuaya ist sieben Jahre alt und lebt mit ihrer Familie im Dorf Yodnguem in der Provinz Xieng Khouang. Drei der fünf Kinder haben eine Beeinträchtigung. Im Unterschied zu ihren Geschwistern betrifft Yuayas Beeinträchtigung vor allem ihre körperliche Entwicklung. Als Kleinkind waren ihre Glieder stark verkrampft, sie konnte weder gehen noch einen Stift halten. Lokale Gesundheitsdienste erkannten ihren Förderbedarf früh, und sie erhielt bereits im Kleinkindalter Physiotherapie.
Heute geht sie selbstständig zur Schule, spielt mit anderen Kindern und lacht. Sie kann inzwischen schreiben. Als ich sie fragte, was sie heute alles könne, erzählte sie als Erstes, dass sie nun auch mit den anderen Kindern beten könne. Das hat mich sehr berührt, weil es zeigt, was für sie selbst wichtig ist: nicht nur körperliche Fähigkeiten, sondern auch Zugehörigkeit und der Zugang zu ihrem Glauben, der für sie ein zentraler Teil ihres Alltags ist.
Yuayas Entwicklung zeigt, wie entscheidend frühe, koordinierte Förderung ist – und wie gross die Unterschiede sind, wenn diese Unterstützung fehlt.
Kinderschutz, der wirkt – und unter Druck steht
UNICEF arbeitet in Laos eng mit staatlichen Stellen und lokalen Gemeinschaften zusammen, um Kinderschutz nachhaltig zu stärken. Ein zentrales Element sind die «Child Protection Networks». Sie identifizieren gefährdete Kinder, koordinieren Hilfe und verankern Schutz dort, wo er am meisten gebraucht wird: in den Gemeinden. Diese Arbeit wirkt leise, aber langfristig.
Aktuell steht die Entwicklungszusammenarbeit unter massivem Druck. Kürzungen in der öffentlichen Entwicklungsfinanzierung durch Regierungen gefährden bewährte Programme. Auch das Kinderschutzprogramm, von dem Yuaya früh profitiert hat, kann nicht weitergeführt werden. Für sie und ihre Familie fallen damit wichtige Begleitangebote weg, darunter auch die Bargeldhilfe zur Sicherung des Lebensunterhalts. Deshalb bleibt das Engagement von Spenderinnen und Spendern zentral. Es ermöglicht, dass Kinder wie Khamnoy, Kayeng und Yuaya trotz dieser Lücken Perspektiven entwickeln können.