Sie sind hier:
Statement

Hunderte Gesundheits- und Ernährungseinrichtungen für Kinder geschlossen

In Somalia führen weltweite Kürzungen bei der Finanzierung der humanitären Hilfe dazu, dass Gesundheitseinrichtungen schliessen, Ernährungsangebote wegfallen und der Zugang zu Wasserversorgung, Bildung und Schutzangeboten immer schwieriger wird. Wie so oft sind es die Kinder, die den Preis dafür zahlen.

Somalia
UNICEF-Mitarbeiterin Ruth Ayisi hält bei einem Besuch einer von UNICEF unterstützten Gesundheits- und Ernährungseinrichtung in Baidoa, Somalia, ein Baby im Arm. Die Einrichtung versorgt Familien, die durch Dürre, Wassermangel, Konflikte und den Verlust ihrer Lebensgrundlagen vertrieben wurden.

Zusammenfassung des Statements von UNICEF-Sprecher James Elder beim heutigen Pressebriefing im Palais des Nations in Genf.

«In Somalia führen weltweite Kürzungen bei der Finanzierung der humanitären Hilfe dazu, dass Gesundheitseinrichtungen schliessen, Ernährungsangebote wegfallen und der Zugang zu Wasserversorgung, Bildung und Schutzangeboten immer schwieriger wird. Wie so oft sind es die Kinder, die den Preis dafür zahlen.

«Infolge beispielloser Kürzungen der humanitären Hilfe mussten bereits 205 Gesundheits- und Ernährungseinrichtungen schliessen. Die Folgen für Kinder sind unmittelbar: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Somalia 32 Prozent mehr Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung und Komplikationen in sogenannte Stabilisierungszentren aufgenommen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

«Weniger Ernährungs- und Gesundheitszentren bedeuten längere Wege für Mütter und ihre Babys. Dadurch verzögert sich die Behandlung – Krankheiten können schwerer verlaufen und das Risiko vermeidbarer Todesfälle steigt.

«Jetzt ist nicht der Moment, Somalia den Rücken zu kehren. Das Land steht vor einer sich verschärfenden Klimakrise: Schwere Dürre in Teilen des Nordens, Konflikte und Vertreibung verschärfen die ohnehin gravierende humanitäre Not. Die Folgen des Krieges im Iran treiben zudem die Preise für Treibstoff und Düngemittel in die Höhe. Nun droht ein historisches El-Niño-Ereignis die Krise durch schwere Überschwemmungen weiter zu verschärfen, deren Höhepunkt in den kommenden Monaten erwartet wird.

«Es ist ein bitterer Widerspruch: Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Not zunimmt und der Bedarf an grosszügiger Unterstützung durch Geberländer wächst, werden die Mittel zum Schutz besonders gefährdeter Kinder gekürzt.

«In der vergangenen Woche bin ich in mehreren Stabilisierungszentren Dutzenden mangelernährten Kindern begegnet. Sie wurden in schwer krankem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert, weil Gesundheitseinrichtungen in ihren Gemeinden geschlossen hatten. Familien, die ihre Ernten und ihr Vieh verloren haben, suchen nun Hilfe für ihre mangelernährten Kinder.

«Mütter wie Haijo. Sie hatte ein Zuhause, ihre Kinder gingen zur Schule, und sie besass Vieh. Doch die Dürre und die sich verschärfende Klimakrise liessen ihre Tiere eines nach dem anderen verenden. Schliesslich war kein einziges mehr übrig. Aus ihrem vergleichsweise wohlhabenden Leben war ihr nichts geblieben.

«Also floh sie auf der Suche nach Hilfe. Heute lebt sie in einer notdürftigen Behausung aus Plastikplanen und Ästen, die kaum Schutz vor der sengenden Hitze oder dem Regen bietet. Sie kam nach Burhakaba im Südwesten Somalias, weil sie gehört hatte, dass dort Unterstützung verfügbar sei. Sie erhielt Kleidung und Tomaten von einer Gemeinde – selbst eine der ärmsten des Landes. Von der internationalen Gemeinschaft erhielt sie nichts.

Ein Blick auf die einzelnen Programmbereiche in Somalia

Gesundheit

Im Gesundheitsbereich haben Finanzierungskürzungen bereits dazu geführt, dass 30 Prozent weniger Menschen mit Gesundheits- und Ernährungsangeboten erreicht werden. Weitere Einschnitte könnten gravierende Folgen haben: In Szenarien mit besonders gravierenden Finanzierungslücken könnten landesweit bis zu 618 Gesundheitseinrichtungen schliessen.

Ernährung

Rund eine Million Kinder unter fünf Jahren sowie Mädchen im Jugendalter und Frauen in Somalia könnten den Zugang zu lebenswichtigen Ernährungsangeboten verlieren. Der bereits erwähnte Anstieg der Aufnahmen von Kindern in Stabilisierungszentren um 32 Prozent bedeutet nicht, dass mehr Kinder erkranken. Vielmehr wurden vorbeugende und gemeindenahe Angebote gekürzt. Dadurch werden besonders gefährdete Kinder seltener früh erkannt und behandelt. Wenn sie spezialisierte Einrichtungen erreichen, sind sie oft bereits deutlich schwerer krank – und ihre Behandlung ist dann aufwendiger und teurer.

In Somalia droht in diesem Jahr fast 1,9 Millionen Kindern Mangelernährung. Knapp eine halbe Million von ihnen ist voraussichtlich von schwerer akuter Mangelernährung betroffen – der lebensgefährlichsten Form. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, lebensrettende Hilfe zu Kindern zu bringen, die sie dringend benötigen. So wurde beispielsweise das Budget für UNHAS in Somalia zwischen 2025 und 2026 um 40 Prozent gekürzt. Der humanitäre Flugdienst der Vereinten Nationen stellt wichtige Flugverbindungen für UNICEF-Einsätze und den Transport lebensrettender Hilfsgüter bereit. 

Diese Kürzungen gefährden, was bereits erreicht wurde. Zwischen 2021 und 2025 hat UNICEF die Aufnahme von mehr als 2,25 Millionen schwer mangelernährten Kindern in Behandlungszentren unterstützt. Im Jahr 2025 konnten 97,6 Prozent der behandelten Kinder genesen.

2024 erreichte eine von UNICEF unterstützte Schluckimpfkampagne gegen Cholera mehr als 885 000 Menschen und damit über 90 Prozent der Menschen, die geschützt werden sollten.
Die Programme sind vorhanden. Die Partner sind da. Was fehlt, ist die Finanzierung.

Wasser

Die Folgen der anhaltenden Dürre werden durch die sinkende humanitäre Hilfe weiter verschärft. Mehr als 1,6 Millionen Menschen benötigen Zugang zu sauberem Wasser, während mehr als 800 000 Menschen Gefahr laufen, den Zugang zu Hygieneartikeln zu verlieren.

Gleichzeitig haben sich die Wasserpreise in den ländlichen und von Viehzucht geprägten Regionen vervierfacht: Ein 200-Liter-Fass, das früher etwa zwei US-Dollar kostete, kostet heute rund acht US-Dollar. Dennoch konnte UNICEF durch kurzfristige Nothilfemassnahmen und nachhaltige Wasserversorgung mehr als eine Million Menschen erreichen. Ohne kontinuierliche Finanzierung sind jedoch auch diese Fortschritte gefährdet.

Bildung

Bildung schützt Kinder vor Ausbeutung, Kinderehen und Kinderarbeit. Gleichzeitig eröffnet sie Kindern und ihren Gemeinden einen Weg aus der Armut. Doch die jahrelangen Investitionen in die Zukunft von Kindern drohen nun in kürzester Zeit zunichtegemacht zu werden.

2025 wurden die Mittel für den Bildungssektor um 30 Millionen US-Dollar gekürzt. Für 2026 wird erwartet, dass wichtige Geberländer ihre Beiträge um mehr als die Hälfte reduzieren. Mehr als 78 000 Kinder haben den Schulbesuch bereits abgebrochen; weitere 660 000 Mädchen und Jungen sind gefährdet, ihren Zugang zu Bildung zu verlieren. Zum Vergleich: Während der Dürre im Jahr 2022 konnten dank der Unterstützung von UNICEF mehr als 130 000 Kinder weiter zur Schule gehen.

Kinderschutz

Auch im Kinderschutz gefährden die aktuellen Kürzungen bereits erzielte Fortschritte. 2024 und 2025 erhielten Tausende Kinder, die zuvor bewaffneten Gruppen angehört hatten oder von einer Rekrutierung bedroht waren, Unterstützung bei ihrer Wiedereingliederung in ihre Gemeinden.

Somalia gehört zu den Ländern, in denen besonders viele schwere Kinderrechtsverletzungen gemeldet werden. Gleichzeitig mussten wegen der Finanzierungskürzungen bereits mindestens 65 Kinderschutzstellen und -einrichtungen schliessen. Auch andere wichtige Angebote sind gefährdet – etwa die Betreuung einzelner Fälle, psychosoziale Unterstützung, die Suche nach Familienangehörigen und die Wiedereingliederung.

Jugendliche wie Abdullah, den ich gestern getroffen habe. Sein Traum war es, Mechaniker zu werden. In seinem Dorf schraubte er regelmässig an Maschinen herum. Bewaffnete nichtstaatliche Gruppen wurden darauf aufmerksam und boten ihm eine Arbeit und Ausbildung als Mechaniker an. Da er vor Ort keine Perspektive hatte und verzweifelt seine verwitwete Mutter unterstützen wollte, nahm er das Angebot an. Doch es war eine Lüge: Abdullah wurde an die Front geschickt.

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde Abdullah schliesslich im Kampf verwundet und von Regierungstruppen gefangen genommen. Ende 2024 und Anfang 2025 unterstützte UNICEF die Ausbildung von mehr als 160 Kindern, die zuvor bewaffneten Gruppen angehört hatten und in Ausbildungszentren aufgenommen worden waren. Nach Abschluss ihrer Ausbildung – etwa in den Bereichen Elektrik, Mechanik oder Kochen – erhielten sie eine Grundausstattung, um ein eigenes Geschäft aufzubauen. Viele von ihnen gründeten anschliessend ein kleines Unternehmen oder fanden eine Arbeitsstelle. Doch wegen der Finanzierungskürzungen wird es für Abdullah weder eine solche Grundausstattung noch die nötige Starthilfe geben.

Diese Ausbildung und die bereitgestellte Grundausstattung eröffnen den Kindern und jungen Menschen die Chance auf eine sicherere Zukunft. Sie helfen ihnen, nicht erneut rekrutiert zu werden und ihre Familien und Gemeinden zu unterstützen. 

Folgen der Kürzungen

In einer vernetzten Welt bedrohen Kürzungen der humanitären Hilfe nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand weltweit. Das gilt für Somalia genauso wie für andere Länder. Die Frage ist daher nicht, ob Somalia weniger Hilfe benötigt, weil die Welt schwieriger geworden ist. Die Frage ist, ob es sich die Welt leisten kann, Somalia noch instabiler zu machen, während die Herausforderungen zunehmen. Die Antwort sollte Nein lauten.

Trotz dieser Herausforderungen passen sich die Menschen und Institutionen in Somalia weiter an. Die Regierung stärkt politische Rahmenbedingungen, Regulierung und nationale Systeme. Gleichzeitig suchen humanitäre Organisationen kontinuierlich nach effizienteren, lokal verankerten und nachhaltigen Arbeitsweisen.

Somalia sollte jedoch nicht vor die Wahl gestellt werden zwischen Dürrehilfe und langfristiger Entwicklung, zwischen der Behandlung kranker Kinder und der Prävention von Mangelernährung oder zwischen der Wasserversorgung in Notsituationen und nachhaltigen Wassersystemen.

Krisen machen nicht an Grenzen halt. In einer Welt mit eng miteinander verflochtenen Volkswirtschaften, Klimaschocks, grenzüberschreitenden Konflikten, in denen Kinder rekrutiert werden, und Vertreibung können wir es uns nicht leisten, die Systeme abzubauen, die besonders gefährdete Menschen schützen.

Der Schutz von Kindern ist keine freiwillige Ausgabe. Leid zu verhindern ist keine ineffiziente Investition. Und wirksame humanitäre Hilfe gerade dann abzubauen, wenn sie am dringendsten gebraucht wird, spart kein Geld. Es ist eine Entscheidung, später einen höheren Preis zu zahlen: finanziell, durch wachsende Unsicherheit und verlorene Entwicklungschancen – und für manche Kinder mit ihrem Leben.

UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, setzt sich weltweit für die Rechte jedes Kindes ein – insbesondere für die am stärksten benachteiligten Kinder und an den Orten, die am schwierigsten zu erreichen sind. In mehr als 190 Ländern und Gebieten setzt UNICEF alles daran, dass Kinder überleben, sich entwickeln und ihr Potenzial entfalten können.