Niger: Humanitäre Krise in der Sahelzone

Die Zunahme der bewaffneten Konflikte in der zentralen Sahelzone – Niger, Burkina Faso und Mali – hat verheerende Auswirkungen auf das Überleben von Kindern. Mehr als die Hälfte der Kinder unter zwei Jahren sind stark mangelernährt. In der gesamten Region sind über zehn Millionen Kinder auf sofortige humanitäre Hilfe angewiesen.

Ein Junge wird gefüttert.

In den vergangenen Monaten hat die Intensivierung der Militäroperationen gegen die bewaffneten Gruppen dazu geführt, dass zahlreiche Kinder getötet, verletzt und ihrer Freiheit beraubt wurden. Viele Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Infrastrukturen in den drei betroffenen Ländern sind beschädigt oder zerstört. Dutzende von Kindern wurden wegen angeblicher Verbindungen zu bewaffneten Gruppen festgenommen. 

Kinder

10,1 Mio.
brauchen in der Zentrale Sahelzone dringend humanitäre Hilfe

Kinder

579 180
unter fünf Jahren leiden im Niger an Mangelernährung

Menschen

2,9 Mio.
wurden in der Zentrale Sahelzone aus ihrer Heimat vertrieben

Kinder an der Frontlinie des bewaffneten Konflikts 

Die Zahl der gemeldeten Sicherheitsvorfälle in der zentralen Sahelzone hat sich zwischen 2015 und 2021 versechzehnfacht. Die Krise hat zur Vertreibung von 2,9 Millionen Menschen sowohl innerhalb der Länder als auch über die Grenzen hinweg geführt – mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder. Durch die gewaltvollen Ausschreitungen wurde der Zugang zu grundlegenden sozialen Diensten drastisch eingeschränkt. Innerhalb der gesamten Sahelzone mussten knapp 5000 Schulen entweder schliessen oder können nicht mehr vollständig betrieben werden. Die Schulabbrecherquote liegt bei 50 Prozent.

Junge steht an Tafel.
«Damals in Nigeria besuchte ich die Grundschule und die Koranschule. Nach den Angriffen in unserem Dorf ist alles, was ich dort mochte, vorbei» sagt der zwöljährige Nazitou Garba. Mit seiner Familie floh er vor der extremen Gewalt aus Nordnigeria.

Unzählige Kinder – darunter sowohl Mädchen als auch Buben – sind besonders stark von den Auswirkungen des Konfliktes betroffen und gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen. Mädchen werden häufig Opfer von Ausbeutung, Vergewaltigungen und weiteren Formen sexueller Gewalt. Eine Vielzahl an Buben werden von den bewaffneten und nichtstaatlichen Streitkräften rekrutiert und sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, an der Frontlinie getötet oder verstümmelt zu werden.

Die humanitäre Situation in Niger

Der Niger ist mit einer Kombination aus akuten und langwierigen humanitären Krisen konfrontiert. Zwangsumsiedlungen, Mangelernährung, wiederkehrenden Gesundheitsepidemien, zyklischen Überschwemmungen und Dürre sind dafür verantwortlich, dass im Jahr 2023 mehr als 3,7 Millionen Menschen, darunter zwei Millionen Kinder, dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Hinzu kommen die andauernden bewaffneten Konflikte, die das Land zusätzlich schwächen und zur massenhaften Vertreibung der Bevölkerung beitragen. Viele der Betroffenen fliehen in Gebieten, die aufgrund der unsicheren Lage schwer zu erreichen sind: Die mangelhafte Infrastruktur erschwert die Bereitstellung von medizinischen Hilfsgütern und lebenswichtigen Hilfemassnahmen. 

Mädchen in Mali.
Dieses Mädchen befindet sich in einem von UNICEF unterstützen Binnenvertriebenenlager in Mali. Dort erhalten Kinder psychosoziale Unterstützung, um sich von den traumatischen Erlebnissen zu erholen und ein Gefühl der Normalität in ihrer Kindheit zu erlangen.

Des Weiteren wurden grundlegende Dienstleistungen sowohl durch den Konflikt als auch durch Überschwemmungen unterbrochen. Epidemien wie Masern, Meningitis und Cholera sind nach wie vor weit verbreitet und knapp 1,3 Millionen Menschen benötigten dringend Zugang zu WASH-Notdiensten.  

In der Region kommt es zusätzlich vermehrt zu schweren Verstössen gegen Kinderrechte: Mädchen und Buben sind einem grossen Risiko von Ausbeutung, Entführung, Rekrutierung durch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen und Kinderheirat ausgesetzt. Die Kinder sind durch die Gewalt im Zusammenhang mit den Angriffen bewaffneter Gruppen schwer traumatisiert und benötigen dringend psychische und psychosoziale Unterstützung. Hinzu kommt, dass die Ernährungsunsicherheit im Niger allgegenwärtig ist: Zwischen Januar und September 2022 litten knapp 580 000 Kinder unter fünf Jahren an Mangelernährung – davon waren mehr als 61 Prozent akut mangelernährt

Niger: Nana Hadiza hält ihre Zwillingstöchter im Arm.
Niger: Nana Hadiza hält ihre Zwillingstöchter im Arm, während sie auf einem Krankenhausbett in Maradi sitzen. Die Zwillinge werden wegen Unterernährung mit therapeutischen Fertignahrungsmitteln (RUTF) wie Plumpy'Nut behandelt.

Die Krise weitet sich aus

Die zentrale Sahelzone ist die Heimat einer der am schnellsten wachsenden humanitären Krisen weltweit. Doch leider zählt die Region zu jenen Katastrophengebieten, über die am wenigsten gesprochen wird und die am wenigsten Unterstützung erhält.

Während sich die humanitäre Lage in Niger, Burkina Faso und Mali immer weiter verschlechtert, breitet sich die Unsicherheit nun nach Süden in die bisher nicht betroffenen Küstenländer Benin, Côte d'Ivoire, Ghana, Guinea und Togo aus. Die Folgen sind verheerend: Knapp vier Millionen Kinder werden dadurch zusätzlichen Gefahren ausgesetzt und benötigen dringend Hilfe. 

UNICEF gibt nicht auf, die Menschen in der zentralen Sahelzone mit lebenswichtiger Hilfe zu erreichen. Dafür werden Gesundheits- und Ernährungszentren aufgebaut, um auch mangelernährte Kinder in abgelegenen Regionen zu erreichen. Ausserdem sorgt UNICEF mit Aufklärungsprogramme dafür, dass Eltern über Themen wie Ernährung, Bildung und Hygiene ihrer Kinder informiert werden.