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Statement

«Das Unvorstellbare in Gaza-Stadt hat bereits begonnen.»

Dies ist eine Zusammenfassung der Aussagen von Tess Ingram, UNICEF-Kommunikationsmanagerin für das Regionalbüro Naher Osten und Nordafrika, beim UN-Mittagsbriefing. 

Ein kleines Mädchen wird auf Mangelernährung untersucht
Gaza City, die zwei Jahre alte Masa ist stark untergewichtig und deswegen auf Nahrungsergänzung angewiesen.

«Gaza-Stadt, die letzte Zuflucht für Familien im nördlichen Gazastreifen, wird rasch zu einem Ort, an dem ein Aufwachsen für Kinder nicht weiter möglich ist. Es ist eine Stadt der Angst, der Flucht und der Beerdigungen. 

Die Weltgemeinschaft schlägt Alarm angesichts der Konsequenzen, die eine intensivierte Militäroffensive in Gaza-Stadt haben könnte. Eine Katastrophe für die fast eine Million Menschen, die dort verbleiben. 

Es wäre eine Tragödie unvorstellbaren Ausmasses, und wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu verhindern. Aber wir dürfen nicht warten, bis das Unvorstellbare geschehen ist, bis wir handeln. 

Während neun Tagen habe ich in Gaza-Stadt Familien getroffen, die aus Angst von ihrem Zuhause flohen – bereits Vertriebene, nun erneut vertrieben – und mit nichts als der Kleidung an ihrem Körper ankamen. Ich habe Kinder getroffen, die in diesem Chaos von ihren Eltern getrennt wurden. Mütter, deren Kinder an Hunger gestorben sind und Mütter, die fürchten, dass ihre Kinder die Nächsten sein werden. Ich habe mit Kindern gesprochen, die in Spitalbetten liegen, ihre kleinen Körper von Granatsplittern schwer verletzt. 

Das Unvorstellbare ist keine abstrakte Bedrohung mehr – es ist bereits Realität. Die Eskalation ist in vollem Gange. 

Der Zusammenbruch grundlegender Dienste zwingt die Jüngsten und Schwächsten in einen Kampf ums Überleben. Nur 44 der 92 von UNICEF unterstützten ambulanten Ernährungszentren in Gaza-Stadt sind noch funktionsfähig. Damit verlieren Tausende mangelernährte Kinder mehr als die Hälfte der lebensrettenden Angebote, auf die sie angewiesen sind, um die Hungersnot zu überleben. 

Mangelernährung und Hunger schwächen die Körper der Kinder. Gleichzeitig raubt ihnen die Vertreibung Obdach und Fürsorge, während Bombardierungen jeden ihrer Schritte bedrohen. So sieht Hungersnot in einem Kriegsgebiet aus, und ich habe sie überall in Gaza-Stadt gesehen. 

Eine Stunde in einer Ernährungsklinik genügt, um jeden Zweifel an einer drohenden Hungersnot auszuräumen – überfüllte Wartezimmer, verzweifelte Eltern, Kinder, die gegen Krankheit und Mangelernährung gleichzeitig ankämpfen, Mütter, die nicht stillen können, Babys, die ihr Sehvermögen, ihre Haare und ihre Gehfähigkeit verlieren. 

Überall hört man dieselbe Geschichte: Eine Schale Essen pro Tag aus der Gemeinschaftsküche – meist Linsen oder Reis –, geteilt unter der ganzen Familie. Eltern verzichten, damit ihre Kinder essen können. Es fehlen Nährstoffe und es gibt keine andere Möglichkeit, an Nahrung zu gelangen. Hilfe ist knapp, der Markt viel zu teuer. 

Letzte Woche traf ich in einem Stabilisierungszentrum eines Krankenhauses in Gaza-Stadt, das die am stärksten mangelernährten Kinder behandelt, Nesma und ihre Tochter Jana. Ich lernte sie bereits im April 2024 kennen, als Jana zum ersten Mal mangelernährt war, und unsere Mission sie damals in einem Krankenwagen von Nord- nach Südgaza zur Behandlung evakuierte. Vielleicht erinnern Sie sich: Damals war der Norden weitgehend vom Süden abgeschnitten und Kinder wie Jana litten ohne ausreichend Nahrung. 

Nesma erzählte mir, dass die Behandlung im Süden wirkte, Jana sich erholte und sie nach dem Waffenstillstand Anfang dieses Jahres mit der Familie in den Norden zurückkehren konnten. Dann kam die Blockade der Hilfe, der Hunger kehrte zurück und diesmal verschlechterte sich der Zustand beider Kinder. Im vergangenen Monat starb die zweijährige Jouri an Unterernährung und Jana kämpft ums Überleben. 

Die Schrecken in Gaza dauern so lange an, dass Kinder wie Jana nur wenige Wochen nach einer abgeschlossenen Behandlung wegen Mangelernährung wieder in der Notaufnahme landen. Grund dafür ist der anhaltende Mangel an Nahrung, sauberem Wasser und anderen lebenswichtigen Gütern. 

Ohne sofortigen und besseren Zugang zu Nahrungsmitteln und Ernährungsbehandlungen wird sich dieser Albtraum weiter verschärfen und weitere Kinder werden verhungern. Ein Schicksal, das völlig vermeidbar ist. 

Nesma sagte: «Ich möchte den Schmerz, Jouri verloren zu haben, nicht noch einmal erleben. Es ist ein unerträglicher Schmerz für jede Mutter. Ich bin am Boden zerstört, nachdem ich mein Kind grossgezogen habe, nur um es in meinen Armen zu verlieren. Ich flehe darum, nicht auch Jana zu verlieren, das könnte ich nicht ertragen.» 

UNICEF ist vor Ort, wir liefern Hilfe und betreiben Dienste von Nord bis Süd. 

Wir kämpfen gegen die Hungersnot, allein in den letzten zwei Wochen haben wir mit unseren Partnern genug gebrauchsfertige therapeutische Nahrung (RUTF), die Hauptbehandlung für unterernährte Kinder, zur Verfügung gestellt, um mehr als 3000 schwer mangelernährte Kinder über den sechswöchigen Behandlungszeitraum zu versorgen. 

Wir haben zudem ergänzende Nahrungsmittel für über 1400 Kleinkinder und energiereiche Kekse für 4600 schwangere und stillende Frauen für die kommenden zwei Wochen bereitgestellt. 

Dazu kommt die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser, der Bau provisorischer Lernzentren, Kinderschutzmassnahmen für gefährdete Kinder, etwa solche ohne elterliche Fürsorge, finanzielle Soforthilfen für Familien, lebensrettende Geräte für Neugeborene in Krankenhäusern, psychologische Unterstützung, Müllentsorgung und so weiter. 

Unser Team tut alles, was in seiner Macht steht, um Kindern zu helfen. Aber wir könnten weit mehr tun. Wir könnten jedes Kind erreichen, wenn unsere Arbeit vor Ort in grösserem Massstab möglich wäre und ausreichend finanziert würde. 

Das palästinensische Leben wird hier Stück für Stück zerschlagen. Das Leid der Kinder im Gazastreifen ist kein Zufall. Es ist die direkte Folge von Entscheidungen, die Gaza-Stadt und den gesamten Gazastreifen zu einem Ort gemacht haben, an dem das Leben der Menschen jeden Tag, von allen Seiten unter Beschuss steht. 

Zum Beispiel stehen die Spitäler in Gaza-Stadt kurz vor dem Zusammenbruch. Von den elf teilweise funktionierenden Spitälern haben nur fünf noch Intensivstationen für Neugeborene. Die 40 Brutkästen laufen mit bis zu 200 Prozent Auslastung. Das bedeutet, dass bis zu 80 Babys in überfüllten Maschinen um ihr Leben kämpfen. Ihr Überleben hängt von Generatoren und medizinischen Vorräten ab, die jederzeit ausfallen könnten. Wie sollen diese Babys eine Evakuierungsanordnung überleben? 

Diese Erkenntnisse sind neu – und doch fühlt es sich an, als würde ich Ihnen etwas erzählen, das Sie längst wissen. Denn wir haben das schon gesehen in Rafah, in Khan Younis und im Norden. Wir wissen seit Langem, dass die sogenannte Schutzzone Al Mawasi nicht sicher ist. Dass Kinder fast jede Nacht im Schlaf getötet oder verstümmelt werden. 

Am Montagabend war es Muna. Sie überlebte einen Angriff, der ihre Mutter, ihren zweijährigen Bruder und ihre achtjährige Schwester tötete. Am Dienstag traf ich sie nach einer Bauchoperation wegen einer Explosionsverletzung und der Amputation ihres linken Beins im Krankenhaus von Gaza-Stadt. Sie ist 13. «Es tat sehr weh», sagte sie mir, «aber ich bin nicht traurig um mein Bein. Ich bin traurig, dass ich meine Mutter verloren habe.» 

UNICEF fordert weiterhin Israel auf, seine Einsatzregeln zu überprüfen, um sicherzustellen, dass Kinder geschützt werden. So, wie es das humanitäre Völkerrecht verlangt. Wir fordern Hamas und andere bewaffnete Gruppen auf, alle verbleibenden Geiseln freizulassen. Israel soll ausreichend Hilfsgüter nach Gaza lassen und einen sicheren, kontinuierlichen Zugang für humanitäres Personal gewährleisten, damit lebensrettende Hilfe überall ankommt. 

Beide Parteien müssen Zivilisten schützen, auch diejenigen unter Evakuierungsanordnungen. Menschen müssen die Möglichkeit haben sich in Sicherheit begeben können, dürfen aber niemals dazu gezwungen werden. Sie müssen lebenswichtige Infrastruktur schützen – Spitäler,  Unterkünfte, Schulen, Wassersysteme – und  den Waffenstillstand wieder in Kraft setzen. 

Und schliesslich rufen wir die internationale Gemeinschaft, insbesondere Staaten und einflussreiche Akteure, auf, ihre Möglichkeiten einzusetzen, um diesem Leiden ein Ende zu setzen. Wenn nicht jetzt – wann dann? 

Denn der Preis der Untätigkeit wird in Kinderleben gemessen – Kinder, die in den Trümmern begraben sind, vom Hunger aufgezehrt, und zum Schweigen gebracht, bevor sie überhaupt sprechen konnten. 

Das Unvorstellbare in Gaza-Stadt hat bereits begonnen.»