Zusammenfassung der Stellungnahme von Edouard Beigbeder, UNICEF-Regionaldirektor für Nahost und Nordafrika über die Waffenruhe im Gazastreifen.
«Die jüngste Waffenruhe im Gazastreifen bringt nach Monaten der Gewalt eine überlebenswichtige Atempause – vor allem für Kinder. Sie muss halten, und sie muss mehr bringen als bloss Ruhe. Sie muss zu Taten führen.
Die Zerstörung ist umfassend. Worte und Zahlen allein können das Ausmass, das ich gesehen habe, nicht fassen. Mehr als 64 000 Kinder wurden getötet oder verletzt, über 58 000 haben ein Elternteil verloren. Ganze Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht und wichtige Systeme zerstört. Eine Million Kinder leben mit Angst, Verlust und Trauer in einer der gefährlichsten Gegenden der Welt.
Nach Beginn der Waffenruhe hat UNICEF die humanitäre Hilfe massiv ausgeweitet. Wir arbeiten gegen die Zeit, um Kinder vor Mangelernährung, Krankheiten und der bevorstehenden winterlichen Kälte zu schützen. Angesichts der Hungersnot weiten wir die Ernährungsbehandlung aus, wir versorgen Familien mit sauberem Wasser per LKW und unterstützen lokale Partner beim Wiederaufbau von Gesundheitsdiensten, Wasserversorgung und Energieinfrastruktur.
Die Bedeutung der Wiederherstellung des Bildungswesens in dieser frühen Phase des Wiederaufbaus kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nach zwei verlorenen Schuljahren ist Bildung der Schlüssel für Lernen, Heilung und Hoffnung. Bereits konnten mehr als 100 000 Kinder wieder am Präsenzunterricht teilnehmen – langfristig sollen alle 650 000 schulpflichtigen Kinder zurück in die Schule. UNICEF errichtet dafür provisorische Klassenzimmer, repariert beschädigte Schulen und plant inklusive Bildungszentren mit Wasserzugang, Kinderschutz und psychosozialer Unterstützung unter einem Dach.
Trotz Fortschritten bleibt die humanitäre Lage kritisch. Wir fordern einen sicheren und ungehinderte Transport von Hilfsgütern über alle möglichen Routen sowie schnellere Abfertigungen an den Grenzübergängen. Hilfslieferungen, insbesondere Schulmaterial und psychosoziale Unterstützung, werden seit über einem Jahr blockiert – das muss sich sofort ändern.
UNICEF fordert alle Parteien auf, ihren Verpflichtungen gemäss dem Völkerrecht und dem Waffenstillstandsabkommen in vollem Umfang nachzukommen. Zivilisten, insbesondere Kinder, müssen jederzeit geschützt werden. Vertriebene Menschen müssen sich frei bewegen können, sobald die Umstände dies zulassen. Humanitäre Helfer müssen sicheren, dauerhaften und ungehinderten Zugang zu Familien haben. Kinder, die eine spezielle, dringende medizinische Versorgung benötigen, die im Gazastreifen nicht verfügbar ist, müssen zusammen mit ihren Betreuern unverzüglich medizinisch evakuiert werden.
Eine zerbrechliche Hoffnung kehrt nach Gaza zurück. Jetzt braucht es Frieden, entschlossenes Handeln und kollektiven Willen, damit die Kinder in Gaza wieder eine Zukunft haben.»