Sie sind hier:
Statement

Waffenruhe gibt Kindern in Gaza einen Hoffnungsschimmer

Zusammenfassung der Aussagen von Ricardo Pires, stellvertretender UNICEF-Sprecher, an der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.

Gaza Flucht
Viele Kinder im Gazastreifen mussten aufgrund der Gewalt in den letzten Monaten fliehen (Bild vom 15.9.2025).

 «Ich beginne mit der Reaktion zweier Kinder aus Deir al Balah im Süden des Gazastreifens auf die gestrige Nachricht über die Vereinbarung einer Waffenruhe und das Ende des Kriegs. Ihre Worte sagen mehr als alles, was ich heute hier sagen könnte.

Maisara ist 13 Jahre alt. Er sagte:
„Ich war glücklich, als ich von der Waffenruhe hörte. Endlich kann ich in meine Stadt im Norden zurückkehren. Denn wie alle Kinder sind wir müde vom Krieg. Wir wollen unsere Kindheit zurück. Noch glücklicher macht mich, dass wir nicht mehr hungern müssen.“
„Ich werde den Boden meiner Stadt umarmen, weil ich ihn so sehr vermisst habe. Zurückkehren bedeutet, wieder zur Schule zu gehen und ein normales Leben zu führen.“

Auch Rasha ist 13 Jahre alt. Sie sagte:
„Ich vermisse meine Cousins. Wir wollen sie auf dem Friedhof im Lager Ost-Bureij besuchen. Und wir wollen unsere Familie in Gaza wiedersehen. Seit der Ankündigung der Waffenruhe sind wir alle glücklich.“
Diese zwei Stimmen stehen für mehr als eine Million Kinder, die seit über zwei Jahren auf diesen Tag warten – zwei Jahre unvorstellbaren Leidens.

Die Nachricht einer bevorstehenden Waffenruhe bringt einen lange überfälligen Hoffnungsschimmer – für sie und ihre Familien. Diese Hoffnung muss jetzt in dringendes, entschlossenes Handeln münden.
Alle Konfliktparteien müssen alles daransetzen, dass die Vereinbarung umgesetzt, aufrechterhalten und zu einem dauerhaften Frieden führt. In den verbleibenden Stunden bis zum offiziellen Beginn der Waffenruhe müssen Kinder unbedingt geschützt werden.

Die Waffenruhe weckt Hoffnung, dass das Töten und Verstümmeln von Kindern endlich aufhört. Mehr als 64 000 Kinder wurden durch Angriffe des israelischen Militärs getötet oder verletzt. Rund ein Viertel davon hat Verletzungen mit möglicherweise lebenslangen Folgen erlitten.

UNICEF ist bereit. Die Hilfe muss jetzt fliessen. Israel muss so viele Zugänge wie möglich öffnen. Die Lage ist kritisch. Es droht ein massiver Anstieg der Kindersterblichkeit – nicht nur bei Neugeborenen, sondern auch bei Kleinkindern. Ihre Immunsysteme sind geschwächter denn je, und sie hatten seit Jahren keinen Zugang zu geeigneter Nahrung.
Kommt ein kalter Winter ohne ausreichenden Schutz und Kleidung hinzu, wird das tödlich sein – wir haben im letzten Jahr Neugeborene gesehen, die an Unterkühlung gestorben sind.

Aber UNICEF ist für diesen Fall vorbereitet. Es dauert Monate, bis Hilfsgüter aus aller Welt in Gaza ankommen. Deshalb haben wir schon im Juli begonnen, Planen und Winterkleidung zu bestellen.
Wir planen, jedem Baby unter 12 Monaten zwei Winterkleidungssets zu geben. Zudem bringen wir eine Million Decken für jedes Kind in Gaza.

Und die Liste geht weiter. Tausende verletzte Kinder warten auf Hilfsmittel – etwa Rollstühle oder Krücken. Diese konnten wir lange nicht liefern, weil wir blockiert wurden.

Wir sind bereit, die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung und das Abfallmanagement wiederherzustellen – damit alle Kinder und Familien im Gazastreifen Zugang zu diesen grundlegenden Diensten haben.
Und natürlich geht es auch um Ernährung.

Das wichtigste Ziel dieser Vereinbarung muss sein, Mangelernährung zu verhindern und eine Ausweitung der Hungersnot abzuwenden. UNICEF ist in der Lage, rasch den Ernährungszustand von 50 000 mangelernährten Kindern unter fünf Jahren und 60 000 schwangeren oder stillenden Frauen zu verbessern. In den letzten Monaten haben wir bereits viel getan – aber jetzt müssen wir Gaza mit nährstoffreichen Lebensmitteln und Behandlungen regelrecht überschwemmen dürfen.

Eine echte Waffenruhe muss mehr sein als ein Wort. Sie muss eingehalten und dauerhaft umgesetzt werden – mit den Rechten der Kinder im Zentrum. Das bedeutet, alle Übergänge für humanitäre Hilfe zu öffnen und jedes Kind – vom Norden bis zum Süden – mit lebenswichtiger Unterstützung zu erreichen.

Humanitäre Hilfe ist erst der Anfang. Kinder in Gaza brauchen auch wieder offene Schulen, sichere Spielplätze und Zeit, um sich von ihrem Trauma zu erholen. Diese Waffenruhe muss die Grundlage schaffen – für Nothilfe und langfristigen Wiederaufbau. Damit Kinder wie Maisara und Rasha ihre Kindheit zurückgewinnen können. Der Weg wird lang sein.»