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Statement

Kinder in Gaza: Barfuss, hungrig und ohne Zuflucht

Zusammenfassung der Aussagen von UNICEF-Sprecher James Elder, der aktuell in Gaza vor Ort ist, bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf. 

Eine Mutter hält ihr Kind welches einen Verband um den Kopf trägt.
Die 4-jährige Sela ist eines von vielen Kindern, die am 1. Oktober 2025 im Nasser-Krankenhaus im Süden des Gazastreifens behandelt werden.

«Gaza-Stadt ist weiterhin die Heimat von Zehntausenden Kindern. Kinder schieben ihre Grosseltern in Rollstühlen barfuss durch Trümmer. Kinder mit amputierten Gliedmassen kämpfen sich durch den Staub. Mütter tragen Kinder, deren Haut von Ausschlägen blutig aufgerissen ist. Kinder zittern vor Angst wegen den unaufhörlichen Luftangriffen. Und Kinder blicken zum Himmel und verfolgen das Feuer von Hubschraubern und Drohnen. 

Die Frage, die mir überall in Gaza-Stadt gestellt wird – von Frauen, von Älteren und von Kindern – lautet: «Wo kann ich mich in Sicherheit begeben?»  

Und die Antwort bleibt auch nach fast zwei Jahren die gleiche: Nirgendwo. 

Nirgendwo im Gazastreifen ist es sicher. 

Und doch wurden heute weitere 200 000 Zivilistinnen und Zivilisten aufgefordert, Gaza-Stadt zu verlassen, zusätzlich zu den mehr als 400 000 Menschen, die bereits gezwungen wurden, nach Süden zu fliehen. 
Ein Krankenhaus in Gaza-Stadt – das Patient Friendly Hospital, das ich gestern besucht habe – behandelt jeden einzelnen Tag 60 bis 80 Kinder, die wegen Mangelernährung oder anderer Krankheiten eingeliefert werden. 

Die Intensivstation für Säuglinge und Neugeborene im Al-Helou-Krankenhaus ist völlig überfüllt. Dieses Krankenhaus wurde vergangene Woche bombardiert. 

Die Logik, die den Menschen in Gaza aufgezwungen wird, ist so brutal wie widersprüchlich. Der Norden wurde zur feindlichen Zone erklärt: Wer dort bleibt, wird als verdächtig gebrandmarkt. 

Dabei muss eines klar sein: Die Anordnung einer allgemeinen oder flächendeckenden Evakuierung bedeutet nicht, dass Zivilpersonen, die zurückbleiben, ihren Schutzstatus als Zivilsten verlieren.Auch der Süden, die sogenannten «Schutzzonen», ist ein Ort des Todes.  Al-Mawasi, heute einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt, ist grotesk überfüllt und seiner Lebensgrundlagen beraubt. 

85 % der Familien leben weniger als zehn Meter entfernt von offenem Abwasser, Tierexkrementen, Müllbergen, stehendem Wasser oder Rattenbefall. Zwei Drittel der Menschen haben keinen Zugang zu Seife. 

Ich habe mit Dutzenden Menschen in Gaza-Stadt gesprochen, und alle sagten dasselbe: Sie haben kein Geld, um sich fortzubewegen, keinen Platz oder kein Zelt, in das sie ziehen könnten, und auch der Süden ist gefährlich. 

Tatsächlich ist die Vorstellung von Schutzzonen» im Süden eine Farce – Bomben fallen mit erschreckender Regelmässigkeit vom Himmel. Schulen, die als Notunterkünfte ausgewiesen sind, werden regelmässig in Schutt und Asche gelegt. Zelte, die auf freien Flächen errichtet wurden, bieten keinen Schutz vor Splittern. Sie werden häufig von Luftangriffen in Brand gesetzt. 

Vor zwei Tagen traf ich im Nasser-Krankenhaus Kinder, die gelähmt oder verbrannt wurden oder Gliedmassen verloren haben, nachdem ihre Zelte gegen zwei Uhr morgens gezielt angegriffenwurden. Einige Tage zuvor, im Al-Aqsa-Krankenhaus, begegnete ich vielen Kindern, die von Drohnen beschossen worden waren. 

Wenn die Welt beginnt, diese Form der Gewalt und Entbehrung als normal zu akzeptieren, ist etwas grundlegend zerbrochen.Die Stärke des Völkerrechts liegt nicht in Worten auf Papier, sondern in der Entschlossenheit der Staaten, es durchzusetzen. 

Die Lage für Mütter und Neugeborene war noch nie schlimmer. 

Im Nasser-Krankenhaus sind die Korridore voll mit Frauen, die gerade entbunden haben. In sechs Einsätzen in Gaza habe ich das noch nie erlebt. Mütter und ihre Neugeborenen liegen auf dem Boden. Drei Frühgeborene teilen sich eine einzige Sauerstoffquelle – jedes Kind atmet für zwanzig Minuten, dann kommt das nächste an die Reihe. Ein Frühchen namens Nada, das 21 Tage auf der Intensivstation lag, wurde entlassen und liegt nun mit seiner Mutter auf dem Boden im Korridor. Nada wiegt zwei Kilogramm, weniger als die Hälfte des Gewichts, das sie haben sollte. 

Frauen erleiden Fehlgeburten auf dem kräftezehrenden Weg vom Norden in den Süden. Ärztinnen und Ärzte befürchten, dass Winterviren in diesem Jahr früher als sonst Einzug gehalten haben. Berichten zufolge wurden in den vergangenen zwei Jahren 1000 Babys getötet, und es ist nicht bekannt, wie viele weitere an vermeidbaren Krankheiten gestorben sind. 

Gleichzeitig leisten Einsatzkräfte an vorderster Front das Unmögliche. UNICEF und seine Partner liefern weiterhin Therapeutische Fertignahrung (RUTF) für mangelernährte Babys in Gaza-Stadt. Sie reparieren Wasserleitungen im gesamten Gazastreifen, leisten finanzielle Soforthilfe, bieten psychosoziale Unterstützung, stellen überlebenswichtige Geräte für Babys in Spitälern bereit, organisieren Mental-Health-Sitzungen und kümmern sich um die Abfallentsorgung. 

Doch solange nicht alle Beschränkungen für den Zugang und die Lieferung humanitärer Hilfe aufgehoben werden, wird die Versorgung mit lebensrettender Hilfe weiterhin völlig unzureichend bleiben. 

Die Medien in diesem Presseraum haben geduldig immer wieder UNICEF zugehört, seit wir das erste Mal Zeugen des Grauens in Gaza wurden. In dieser Zeit haben wir von einem Krieg gegen Kinder, von einer Hungersnot und einem Polio-Ausbruch berichtet. Immer und ausschliesslich mit Daten und Zeugenaussagen. 

Und doch ist die Lage heute noch schlimmer als zu jedem dieser Zeitpunkte. Jeder trägt einen Teil der Verantwortung dafür, aber es gibt nur ein Opfer. Gestern, heute und – wenn nicht endlich gehandelt wird – auch morgen: Palästinensische Kinder.»