Seit der Eskalation Anfang März wurden bereits rund 820 000 Menschen vertrieben, darunter schätzungsweise 290 000 Kinder. Die Schweizerin Andrea Berther, stellvertretende Länderchefin von UNICEF im Libanon, erklärt, wie Kinder die Krise erleben und welche Unterstützung sie jetzt dringend brauchen.
Was bedeutet die aktuelle Krise konkret für Kinder im Libanon?
Die anhaltende Eskalation im Libanon hat verheerende Auswirkungen auf Kinder und gibt Anlass zu grosser Sorge. Für viele Kinder hat sich der Alltag vollständig verändert. Familien mussten ihre Häuser verlassen. und leben nun bei Verwandten oder in Sammelunterkünften – oft in öffentlichen Schulen, wo Kinder eigentlich lernen sollten, statt Schutz vor Gewalt zu suchen. Häufig erreichen Kinder diese Unterkünfte völlig erschöpft und mit kaum mehr als dem, was sie auf der Flucht mitnehmen konnten. Einige schlafen im Freien oder in Fahrzeugen - oft unter unsicheren Bedingungen und bei kalten Temperaturen in der Nacht.
Seit Monaten sind sie mit Gewalt und Unsicherheit konfrontiert. Sie hören Explosionen, sehen bewaffnete Fahrzeuge oder erleben, wie ihre Eltern um Sicherheit und Einkommen kämpfen. Diese Situation belastet sie stark – besonders wenn sie über längere Zeit anhält. Diese anhaltende Belastung kann das Gefühl von Stabilität im Leben von Kindern stark erschüttern und ihre Zukunftsperspektiven prägen. Ohne rechtzeitige Unterstützung kann traumatischer Stress langfristige Folgen für ihre psychische Gesundheit haben.
Welche Auswirkungen hat die Krise auf Bildung und Entwicklung von Kindern?
Die Schliessung aller Schulen hat den Unterricht für mehr als eine Million Kinder unterbrochen. Die Schule ist für Kinder nicht nur ein Ort zum Lernen, sondern auch ein Raum für Stabilität, soziale Kontakte und Schutz. Wenn diese Strukturen wegfallen, kann auch dies langfristige Folgen für ihre Entwicklung haben.
Die psychische Belastung der Kinder ist entsprechend gross. Viele zeigen Anzeichen von Stress, Angst oder Schlafproblemen. Psychosoziale Unterstützung ist deshalb ein zentraler Bestandteil der humanitären Hilfe.
Welche Unterstützung brauchen Kinder und ihre Familien derzeit am dringendsten?
Für viele vertriebene Familien stehen zunächst grundlegende Bedürfnisse im Vordergrund: sauberes Wasser, funktionierende sanitäre Anlagen, Matratzen und Decken sowie ausreichend Nahrung für Kinder. Auch Diesel für Generatoren ist wichtig, damit Unterkünfte, Wasserpumpen und medizinische Einrichtungen überhaupt betrieben werden können.
Für viele Familien ist das Leben in den oft überfüllten Unterkünften sehr belastend. Gerade für Jugendliche und junge Frauen ist es eine Herausforderung, ausreichend Privatsphäre und angemessene Hygienebedingungen zu haben. Gleichzeitig benötigen viele Kinder medizinische Versorgung, psychosoziale Betreuung und Möglichkeiten, weiter zu lernen. Ebenso wichtig ist ihr Schutz vor Gewalt, Ausbeutung und den Folgen traumatischer Erfahrungen.
Wie unterstützt UNICEF Kinder und Familien unter diesen Bedingungen?
UNICEF hat seine Nothilfe deutlich ausgeweitet. Teams unterstützen Familien in Sammelunterkünften, verteilen Hilfsgüter, bieten Kindern psychosoziale Betreuung und helfen, Bildungsangebote aufrechtzuerhalten. Auch die Gesundheitsversorgung ist ein zentraler Schwerpunkt. Mobile Gesundheitsstationen ermöglichen medizinische Konsultationen und Impfungen für vertriebene Familien. UNICEF unterstützt zudem Krankenhäuser, damit besonders verletzliche Kinder – darunter auch Neugeborene – weiterhin intensivmedizinisch versorgt werden können. Parallel dazu werden Ernährungsprogramme vorbereitet, und Kinderschutzteams identifizieren und unterstützen verletzte, unbegleitete oder von ihren Familien getrennte Kinder.
Wo liegen derzeit die grössten Herausforderungen?
Die Situation verändert sich sehr schnell. Immer mehr Familien müssen ihre Häuser verlassen, während gleichzeitig der Zugang zu betroffenen Gebieten zunehmend schwieriger wird.
Die humanitären Bedürfnisse übersteigen die derzeit verfügbaren Mittel deutlich. Trotz bereits eingegangener Unterstützung besteht aktuell eine Finanzierungslücke von 91 Prozent. Diese Lücke schränkt die Möglichkeit erheblich ein, lebensrettende Hilfe im erforderlichen Tempo auszuweiten. Zusätzliche internationale Unterstützung ist notwendig, um Kinder wirksam zu schützen und grundlegende Dienstleistungen aufrechtzuerhalten.
Gibt es eine besondere Begegnung mit einem Kind, an die Sie sich erinnern?
Am ersten Tag meines Besuchs in einer Notunterkunft traf ich ein Mädchen, das mich sehr bewegt hat. Sie erzählte mir leise, dass sie bereits zum zweiten Mal vertrieben wurde, das erste Mal im Jahr 2024. Mit wenigen persönlichen Gegenständen in der Hand blickte sie sich im überfüllten Raum um und fragte mich dann: «Kommst du dieses Mal auch wieder, um mit uns zu spielen?» Diese Frage war mehr als eine Bitte. Sie zeigt, was Kinder in einer Krise wirklich brauchen, nämlich Normalität, Freude und Zuwendung. Trotz allem, was sie erlebt hat, sucht sie nach Verbindung und nach Momenten des Kindseins. Ihre Hoffnung macht deutlich, wie wichtig unsere Arbeit ist, sichere Räume zu schaffen, psychosoziale Unterstützung zu leisten und Kindern ein Stück Alltag zurückzugeben.
Was steht für Kinder im Libanon auf dem Spiel?
Wenn die Krise anhält, drohen langfristige Folgen für eine ganze Generation. Unterbrochene Bildung, anhaltender Stress und Vertreibung können die Zukunftschancen vieler Kinder nachhaltig beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, dass Kinder jetzt Schutz, Stabilität und konkrete Unterstützung erhalten.