Gewalteskalation in Haiti

Stellungnahme der UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell zur Lage in Haiti.

Haiti

«Da Gewalt und Gesetzlosigkeit in Haiti ein neues und erschreckendes Ausmass erreichen, muss die Entschlossenheit der internationalen Gemeinschaft und der lokalen Akteure zum Schutz und zur Unterstützung der haitianischen Bevölkerung noch verstärkt werden.

Haiti ist seit Jahren von schrecklicher Gewalt geprägt, die sich in den letzten Tagen in einem noch nie dagewesenen Ausmass an Gesetzlosigkeit, Menschenrechtsverletzungen, Entführungen und einer völligen Missachtung des Lebens und des Wohlergehens von Kindern und ihren Familien sowie der lebenswichtigen Dienstleistungen, äusserte.

Bewaffnete Gruppen haben Gefängniszellen aufgebrochen, um Hunderte von Gefangenen in ihre Reihen aufzunehmen. Gleichzeitig wird der Zugang der Zivilbevölkerung zu Krankenhäusern, Wohnhäusern, Schulen, Trinkwasser, Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Dienstleistungen zunehmend schwieriger. 

Die haitianische Bevölkerung steht im Kreuzfeuer; der Lebensraum für Kinder hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt; wichtige soziale Dienste stehen kurz vor dem Zusammenbruch; die Häfen und der Flughafen des Landes sind gefährdet; und die humanitäre Hilfe, auf die sich Millionen von Kindern und Zivilisten als letzte Rettung verlassen, ist lahmgelegt. 

Jeder Tag, der vergeht, bringt neues Elend und Verzweiflung für die Menschen in Haiti. Die Ermordung, Entführung und Gefangennahme von Angehörigen, die Zerstörung von Häusern durch Brände oder Schusswechsel sowie Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt - insbesondere gegen Mädchen und Frauen - gehören zu den zahlreichen Methoden, mit denen der Bevölkerung Angst gemacht wird.

Die Menschen in Haiti haben schon so viel durchgemacht: Jahrzehntelange politische Instabilität, Armut, die Abwanderung von Lehrern, Gesundheits- und Sozialarbeitern aus dem Land und ein medizinisches System, das nach Angaben haitianischer Ärzte völlig zusammengebrochen ist. Der erneute Choleraausbruch, tödliche Überschwemmungen und ein Erdbeben machen deutlich, wie anfällig Haiti für den Klimawandel und Naturkatastrophen ist und dass das Land nicht in der Lage ist, weitere Krisen zu bewältigen.

Trotz aller Hindernisse leisten die humanitären Organisationen nach wie vor lebensrettende Unterstützung, und die Menschen in Haiti – Lehrer, Sanitäter, Mütter und Väter - stellen sich weiterhin den Gefahren, um zur Arbeit zu gehen und sich um die Frauen und Kinder zu kümmern. 

Die internationale Gemeinschaft muss jetzt gemeinsam mit dem haitianischen Volk zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Haiti noch weiter ausser Kontrolle gerät. Jetzt ist es an der Zeit, dringend und gemeinsam mit dem haitianischen Volk Massnahmen zu ergreifen.

Hierfür braucht es insbesondere:

  • Verstärkte Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zum Schutz der Zivilbevölkerung, zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung auf den Straßen und zur Stärkung der wichtigsten Institutionen, der haitianischen Polizei und des Justizsystems.
  • Die Finanzierung des «Allgemeinen Plans für humanitäre Hilfe bis 2024», um den Bedürfnissen der am meisten gefährdeten Menschen gerecht zu werden.
  • Den Schutz von Schulen, Krankenhäusern und des Zugangs für humanitäre Hilfe sowie die Sicherung von humanitären Einrichtungen.
  • Die Gewährleistung, dass die humanitären Bemühungen mit längerfristigen Lösungen gekoppelt werden, um den Zugang zur Grundversorgung sicherzustellen.
  • Die Vorbereitung auf unvermeidliche Naturkatastrophen, Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Epidemien.
  • Die Ermutigung und Unterstützung der nationalen Institutionen zur wirksamen Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinschaften und denjenigen, die Einfluss auf die Beendigung der Gewalt haben.

Die derzeitige Situation der Unsicherheit, Angst und Unterdrückung ist inakzeptabel. Sie gefährdet die Zukunft von Millionen von Kindern, die nicht in der Lage sind, irgendeine Form von Normalität zu erleben. Die internationale Gemeinschaft muss gemeinsam mit dem haitianischen Volk dafür sorgen, dass das Vertrauen, die Hoffnung und die Achtung der internationalen Menschenrechte wiederhergestellt werden. 

Damit würde die internationale Gemeinschaft nicht nur dem haitianischen Volk, sondern auch der Zivilbevölkerung auf der ganzen Welt, die unter Gewalt, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen leidet, ein starkes Zeichen der Einheit und Hoffnung setzen.»

 

Hinweis für die Redaktion:
UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell ist auch Fürsprecherin für Haiti im Inter-Agency Standing Committee, einer Gruppe von humanitären Organisationen, und wurde vom Nothilfekoordinator Martin Griffiths ernannt.