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Was Krieg mit Kindern macht: Begegnungen im Tschad

Auf meiner Reise in Flüchtlingscamps im Tschad treffe ich Kinder und Familien, die vor der Gewalt im Sudan geflohen sind und suche Antworten auf eine Frage, die mich seit Jahren beschäftigt: Was richtet Krieg in einem Kind an? Die Begegnungen, die ich dort mache, lassen mich nicht mehr los.

Patricia Tomamichel
Patricia Tomamichel
Kinder im Flüchtlingscamp im Tschad
Kinder sitzen im Camp auf der staubigen Strasse.

Als ehemalige Journalistin habe ich mich beruflich schon oft mit dem Thema Krieg und seinen Folgen befasst. Doch ich war bisher nie selbst in ein Konfliktgebiet gereist. Als mir angeboten wurde, für UNICEF die Sternenwochen-Reise in Flüchtlingscamps im Tschad zu begleiten, musste ich deshalb nicht lange überlegen. Mir war sofort klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen musste und mich auf die Suche nach Antworten machen wollte. 

Unsere Reise startet gegen Ende der Trockenzeit. Obwohl dann Temperaturen von über 45 Grad Celsius herrschen können, ist es die beste Reisezeit für unser Vorhaben. Sobald der Regen einsetzt, werden die ausgetrockneten Flussbete überschwemmt und es wird fast unmöglich, herumzureisen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschads, gelangen wir an unser erstes Ziel: Farchana, offiziell eine Stadt, doch eigentlich wirkt sie eher wie ein weit verstreutes Dorf. Schon beim Aussteigen schlägt uns die trockene Hitze entgegen, und feiner Staub legt sich auf alles. Es gibt nur wenige Häuser aus Stein; die Strassen sind eher staubige Wege, auf denen sich Esel und Hühner kreuzen und Menschen Mangos oder Feuerholz verkaufen. Eigentlich ist es ein überschaubarer Ort – doch inzwischen leben hier zusätzlich zu den Einheimischen fast 52 000 sudanesische Flüchtlinge. Etwa 60 Prozent von ihnen sind bereits seit der Darfur-Krise 2003 hier. Sie haben sich längst ein Leben aufgebaut und wohnen in Häusern aus Steinen. Die rund 20 000 neu Angekommenen leben noch in Zelten und Strohhütten. 

UNICEF-Team im Flüchtlingscamp im Tschad
Das UNICEF-Team unterwegs in Farchana. Die Hitze ist drückend, Schatten rar – Bedingungen, unter denen hier zehntausende geflüchtete Familien leben.
Flüchtlingscamp Farchana von oben
Das Flüchtlingslager in Farchana aus der Luft
Flüchtlingslager Farchana, Tschad
So leben die Neuankömmlinge im Camp in Farchana
Wasserloch Flüchtlingslager Farchana Tschad
In der Trockenzeit versiegen die Brunnen schon am Morgen. Am Nachmittag gibt es nur noch schmutziges Wasser zum Waschen aus Erdlöchern.
Flüchtlingslager Farchana
Abendstimmung im Flüchtlingscamp

Einer von ihnen ist Mousab. Der 11-Jährige lebt seit zwei Jahren zusammen mit seinen Eltern und sechs Geschwistern im Camp. Zwei Jahre, in denen er in Sicherheit lebt, fernab vom Krieg. Umso nachdenklicher und trauriger stimmt seine Aussage:

Manchmal träume ich in der Nacht noch vom Krieg. Ich sehe dann, wie Menschen getötet werden. Wie sie erschossen werden. Ich höre es in meinen Träumen. Deshalb möchte ich lieber nicht schlafen.

Mousab, 11
Mousab, 11

Es ist eine erste Antwort auf meine Frage, was Krieg mit Kindern macht. Er traumatisiert sie. Nachhaltig. Genau deshalb ist die Arbeit von UNICEF so wichtig. Kinder wie Mousab erhalten psychosoziale Unterstützung in Flüchtlingscamps. In sogenannten «child-friendly spaces», also kinderfreundlichen Zentren, finden regelmässig strukturierte Aktivitäten für Kinder und Jugendliche statt. Dank Gesprächs-, Spiel- und Sportangeboten können sie ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen und mit anderen Kindern zusammen spielen, singen, tanzen und lernen. Langfristig hilft es ihnen, ihre Traumata zu verarbeiten und sie lernen, ihre Emotionen zu regulieren und Beziehungen aufzubauen. 

Mousab (rechts) mit seiner Mutter und zwei Geschwistern in seinem Zuhause ©UNICEF/Patricia Tomamichel

Mousab ist zusammen mit seinen Eltern und sechs Geschwistern seit zwei Jahren im Camp in Farchana. Im Sudan hatte er bis zum Kriegsausbruch ein gutes Leben. Sie wohnten in einem grossen Haus, hatten immer genug zu Essen, einen Fernseher und er spielte gerne mit seinen Freunden draussen Fussball. Bis im Mai 2023 schlagartig alles vorbei war. Sie wurden aus ihrem Haus vertrieben und mussten mitansehen, wie es niedergebrannt wurde und ihre Nachbarn vor ihren Augen getötet wurden. Auf der Flucht geschahen fürchterliche Dinge, über die weder Mousab noch seine Mutter sprechen können.

Doch obwohl Mousab und seine Familie froh sind, in Sicherheit zu sein, ist ihr neues Leben alles andere als einfach. Es fehlt ihnen an allen Ecken und Enden: Kleider, Schuhe, Schlafmatten – aber vor allem an Essen. Die Familie erhält zwar einen kleinen Geldbetrag, doch er reicht nicht weit. Die extreme Trockenheit lässt kaum etwas wachsen, Lebensmittel sind wegen der Knappheit teuer – und weil gleichzeitig so viele Menschen im Camp leben und die finanziellen Mittel begrenzt sind, fällt die Unterstützung pro Person immer kleiner aus. An guten Tagen reicht das Geld für zwei Mahlzeiten. Meistens aber ist es nur eine. Und diese besteht aus einer Art Brot und etwas wässriger Suppe aus Okra und Kohl. 

Essen im Flüchtlingscamp in Farchana
So sieht eine Mahlzeit an vielen Tagen aus. Dazu gibt es eine wässrige Suppe.

Trotz des beschwerlichen neuen Lebens möchte Mousab auf keinen Fall zurück in den Sudan. «Der Krieg ist schrecklich. Wir haben zu viele geliebte Menschen verloren. Alles, was dort geschehen ist, bleibt für immer in unseren Köpfen: das Töten und die Schläge. Wir können nicht an den Ort zurück, wo das alles passiert ist», erzählt der 11-Jährige im Gespräch. 

Nicht weniger berührt mich die Geschichte von Mohammad. Ihn lerne ich ebenfalls im Flüchtlingscamp in Farchana kennen. Der 12-Jährige musste seine Heimat im Sommer vor einem Jahr überstürzt verlassen und verlor alles: seinen vertrauten Alltag, seine Freunde, seine persönlichen Sachen, seine Sicherheit. Wie dramatisch seine Flucht tatsächlich war, wird mir erst am Ende unseres Gesprächs bewusst. Als ich ihn auf seine Hände anspreche, erzählt er: «Unser Haus wurde mitten in der Nacht angezündet. Dabei kamen zwei meiner Brüder ums Leben. Ich selbst kam mit diesen Verbrennungen davon. Wir flüchteten mit nichts mehr als den Kleidern, die wir anhatten. Viel habe ich von der Flucht nicht mitbekommen, da ich wegen der Verbrennungen sehr krank war.» 

Kind mit Verbrennungen
Mohammad zeigt seine Verbrennungen.

Die Geschichte von Mohammad zeigt, dass der Krieg neben tiefen seelischen Narben bei vielen Kindern auch körperliche Narben hinterlässt, die sie ein Leben lang mit sich herumtragen. Immer wieder sehen wir Kinder mit amputierten Gliedmassen, Narben von Einschusslöchern, schlecht verheilten Brüchen oder Verbrennungen. 

Auch hier ist die Arbeit von Organisationen wie UNICEF von unermesslichem Wert. Dank Spendengeldern gibt es in den Flüchtlingscamps Gesundheitszentren, wo solche Verletzungen versorgt werden können. Darüber hinaus bieten sie aber auch andere wichtige Dienste wie beispielsweise Behandlung von Mangelernährung, Impfungen oder Gesundheitsversorgung von Müttern und Neugeborenen.

Schmerzfreies Gehen wird für Nabals Mutter wohl nie mehr möglich sein. Aber die Freude darüber, wieder mit ihrer Tochter vereint zu sein, lässt sie den Schmerz vergessen. ©UNICEF/Patricia Tomamichel

Die 16-jährige Nabal inspiriert mit ihrem Mut und Lebenswillen. Als wir sie treffen, wirkt sie schüchtern, zurückhaltend und sehr sanft. Sie trägt ein weisses Tuch mit einem feinen Muster aus pinken, grauen und blauen Kreisen, das auch ihr Haar bedeckt. Sie kam erst vor kurzem im Camp in Farchana an. Drei Tage lang musste sie zu Fuss ohne ihre Familie fliehen. Ihre Brüder wurden erschossen, als Rebellen ihr Zuhause stürmten. Ihre Mutter wurde angeschossen und konnte aufgrund ihrer Verletzung nicht zu Fuss fliehen. Nabal musste zusehen, wie ihre Liebsten geschlagen und vergewaltigt wurden. Und trotzdem hat sie es geschafft, sich in Sicherheit zu bringen. Heute ist sie wieder mit ihrer Mutter vereint. Und ist sich trotz allem sicher: Eines Tages will sie zurück in ihre Heimat. Und dann will sie Pilotin werden und die Welt entdecken. 

Unsere Reise bringt uns weiter nach Adré, unmittelbar an der Grenze zum Sudan. Hier strömten zu Spitzenzeiten täglich hunderte Flüchtlinge ins provisorisch errichtete Camp. Mittlerweile wurden rund 240 000 Menschen im Auffanglager registriert. Sie sollen hier kurzfristig Schutz finden und nach der Registrierung in eines der umliegenden offiziellen Camps verteilt werden. Weil aber so viele kommen, müssen Tausende ausharren. 

Hier lerne ich die 26-jährige Naglaa kennen. Sie bittet uns um Hilfe bei der Suche nach ihrem verschollenen Onkel. Er verschwand bei der Flucht aus dem Sudan und sie weiss nicht, ob er noch lebt oder tot ist. Auf dem Arm trägt sie ihre zwei Monate alte Tochter Zaitoona. Das Baby ist auffallend klein. Naglaa erzählt mir von ihrer beschwerlichen Schwangerschaft. Sie musste ständig erbrechen und verlor sehr viel Blut bei der Geburt. Die Kleine wog zwei Wochen nach der Geburt gerade mal 2,5kg. Dank der Unterstützung im Gesundheitszentrum erholen sich die beiden langsam von den Strapazen. Sobald sie fit genug sind, will Naglaa mit der Kleinen zurück in den Sudan gehen. Dort wartet Naglaas Ehemann: «Ich bin dem Tschad sehr dankbar, dass wir hier so gut aufgenommen wurden. Aber das Leben hier ist schwierig. Es gibt kaum Arbeit und alles ist sehr teuer. Und egal wo man ist auf der Welt, nirgends ist es so schön wie zu Hause. Die Heimat erscheint einem immer als der schönste Ort auf der Welt. Denn da weisst du, wer du bist und wo du hingehörst.»

Junge Mutter mit Baby auf dem Arm
Im Sudan hat Naglaa ein Uni-Studium absolviert und ist ausgebildete medizinische Assistentin. Sie spricht fliessend Englisch. Sie wünscht sich, ihren Beruf eines Tages in ihrem Heimatland ausüben zu können.

Naglaas Geschichte zeigt mir, welche Zerrissenheit ein Krieg auslöst. Familien werden brutal auseinandergerissen. Manche finden später wieder zusammen. Andere müssen für den Rest ihres Lebens mit der Ungewissheit leben, ob ihre Liebsten noch am Leben sind oder nicht. Wieder andere müssen zusehen, wie ihnen jemand genommen wird. Aber diese Zerrissenheit zeigt sich auch in etwas anderem: der Liebe zur Heimat. Während die einen schwören, nie mehr einen Fuss in ihr Herkunftsland zu setzen, weil sie es nicht ertragen, wollen andere unbedingt so schnell wie möglich wieder zurück. Alle eint sie: Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als dass endlich wieder Frieden herrscht. 

Handstand im Flüchtlingslager
Die Hitze des Tages lässt langsam nach. Kinder im Camp Farchana versuchen den Handstand – ich mache spontan mit und zeige ihnen ein paar Tricks aus meinem Training. Ein spielerischer Moment, der das Eis bricht und mir unvergessen bleibt.
Szene im Flüchtlingslager
Beim gemeinsamen Üben verstehen wir uns sofort – auch ohne Dolmetscher.

Als ich den Tschad verlasse, gehen mir die Geschichten dieser Kinder nicht mehr aus dem Kopf. Krieg hinterlässt Narben – sichtbare und unsichtbare. Und doch haben mir diese Mädchen und Buben gezeigt, wie viel Stärke sie trotz unvorstellbarer Erlebnisse in sich tragen. Das hat mich tief berührt. Gleichzeitig wurde mir einmal mehr bewusst, wie privilegiert wir hier leben und wie wichtig es ist, hinzuschauen, zuzuhören und meine Arbeit dafür einzusetzen, dass ihre Stimmen gehört werden.